Vater Serhii weint vor dem bedeckten Leichnam seines Sohnes Iliya, der bei russischem Beschuss eines Kinderkrankenhauses getötet wurde. AP/Evgeniy Maloletka

Die Berichte, die aus der von russischen Truppen eingeschlossenen südukrainischen Hafenstadt Mariupol nach außen dringen, übersteigen jede Vorstellungskraft. Ein einziges Krankenhaus existiert noch für die 400.000 Einwohner der Stadt, sämtliche anderen wurden durch russischen Beschuss zerstört.

Ein Video der Nachrichtenagentur aus diesem Krankenhaus zeigt Schwerstverletzte mit Schuss- und Splitterverletzungen, im Keller sterben Patienten, die nicht behandelt werden können, draußen liegen Leichen, für die keine Plastiksäcke mehr vorrätig sind.

Mehr als 1000 Menschen in der zerbombten Stadt hatten am Mittwoch Zuflucht in den Gewölben des Schauspielhauses gesucht. Genau dorthin zielten russische Bomben, die das Gebäude in Schutt und Asche legten. Ob Menschen den Angriff unter den Trümmern überlebten, ist unklar. Bürgermeister Vadym Boychenko sprach von einer „weiteren Tragödie“.

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dpa
Das nach russischem Beschuss beschädigte Schauspielhaus in Mariupol. Ukrainischen Behördenangaben zufolge haben sich mehr als 1000 Menschen in dem Theater in Mariupol befunden, das Ziel eines wohl verheerenden Bombenangriffs geworden ist.

Überlebende trinken Wasser aus Heizungsrohren und Pfützen

Boychenkos Stellvertreter Serhij Orlow beschreibt dem Magazin „Forbes Ukraine“ die verzweifelten Versuche der Einwohner, zu überleben. Strom, Heizung und Wasserversorgung sind komplett ausgefallen. „Ein kleiner Teil der Menschen kann privat Wasser aus Brunnen entnehmen“, sagte er in dem Interview, das ukrainische Medien am Donnerstag aufgriffen. Da die Heizungen ohnehin nicht mehr funktionierten, entnähmen manche Wasser aus den Heizungsrohren, um es zu trinken. „Manche sagen auch, dass sie es aus Pfützen nehmen. Als es Schnee gab, haben sie den geschmolzen.“

Orlow sagte weiterhin, dass 80 bis 90 Prozent der Gebäude in Mariupol bombardiert worden seien. „Kein einziges Gebäude ist unbeschädigt.“ Er warf den Russen vor, gezielt Zivilisten zu attackieren, um so eine Kapitulation der Stadt mit ihren zu Kriegsausbruch 400 000 Einwohnern zu erzwingen. Russland beteuert stets, nur militärische Ziele anzugreifen.

Eine Mutter fragt mit ruhiger Stimme: „Ich halte mein Kind im Arm, es verhungert, was soll ich tun?“

Das Schlimmste für ihn sei, den Bewohnern nicht helfen zu können, sagte Orlow: „Eine Mutter ruft an, sie schreit nicht, sie schimpft nicht, sie fragt mit ruhiger Stimme: „Ich halte mein Kind im Arm, es verhungert, was soll ich tun?“ Und du hast keine Antwort auf die Frage.“

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Ukrainischen Angaben zufolge hatten in den vergangenen zwei Tagen Tausende Menschen Mariupol in rund 6500 Privatautos verlassen können. Viele stecken aber weiter in der Belagerung fest. Für besonderes Entsetzen sorgte am Mittwochabend der Bericht über die Bombardierung eines Theaters, in dem Hunderte Zivilisten Zuflucht gesucht haben sollen. Kiew und Moskau machen sich gegenseitig für den Angriff verantwortlich.