Für Viktor, Natalja und ihre drei Kinder bleibt nur die Kindertagesstätte als Wohnort. AFP/Emre Caylak

In dem Raum, in dem Viktor und Natalja derzeit mit ihren drei Kindern und drei weiteren Angehörigen schlafen, schmücken Zeichnungen von Walen und Teddybären die Decke. Doch die Familie aus der Ostukraine hat für die Dekoration in der Kindertagesstätte Banana Club, wo sie Zuflucht gefunden hat, keinen Blick. Seit ihrer Flucht aus ihrem Heimatort Wolnowacha schaut sie nur noch angstvoll in ihre ungewisse Zukunft.

Das Wohnhaus von Viktor und Natalja war eines der ersten, die am ersten Tag der russischen Invasion in Wolnowacha von Artillerie getroffen wurden. Drei Tage lang saß die Familie gemeinsam mit rund 30 Nachbarn in einem Keller ohne Heizung und Strom, bevor sie nach Dnipro weiter westlich im Zentrum der Ukraine fliehen konnte.

„Die Angriffe dauerten Tag und Nacht. Wir haben unseren Kindern erzählt, dass es Donner sei“, berichtet Viktor, der in Wolnowacha eine Gärtnerei besaß. Die gibt es nicht mehr, und auch Wolnowacha gibt es nicht mehr. Die in der Nähe der prorussischen Separatistengebiete gelegene Kleinstadt wurde völlig zerstört, sagt Viktor: „Alles wurde in Trümmer gelegt, es gibt nichts mehr. Wir können nie wieder zurückkehren.“

Viktor und Natalja schlafen mit ihren drei Kindern im Alter von zwei bis 14 Jahren und drei weiteren Familienmitgliedern unter einem Baldachin aus Wal- und Teddybär-Cartoons in einem der Kita-Räume.

Die Ukrainer helfen den Familien in der Kindertagesstätte mit Kleiderspenden. AFP/Emre Caylak

Derzeit haben zwei Familien und eine alleinstehende Frau im Banana Club Zuflucht gefunden. Doch die freiwillige Helferin Vesta Burkina (31) erwartet weitere 20 Geflüchtete aus Charkiw, der zweitgrößten Stadt der Ukraine, die seit Tagen schwer angegriffen wird.

„Viele werden nur ein oder zwei Tage bleiben, haben aber einfach nicht das Geld, um in die Westukraine weiterzuziehen“, sagt Vesta.

Die Einschläge des Kriegs kommen immer näher

Noch scheint Dnipro mit seinen rund eine Million Einwohnern relativ sicher zu sein. Doch die Einschläge kommen näher: Auch hier ertönen mehrmals am Tag die Sirenen, und die russischen Truppen sind bis zur 80 Kilometer weiter südlich gelegenen Stadt Saporischschja vorgerückt. In der Nacht zum Freitag lösten sie dort durch Beschuss einen Brand in Europas größtem Atomkraftwerk aus, später besetzten sie es.

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Viktor und seiner Familie bleibt nur die Kindertagesstätte zum Überleben

Viktor und seine Familie würden gerne die Ukraine verlassen und in einem der weiter westlich gelegenen Nachbarländer Zuflucht suchen. Doch als Mann im wehrfähigen Alter muss er in seiner Heimat bleiben, und seine Freundin Natalja will sich nicht von ihm trennen. Ihnen bleibt derzeit nur der Banana Club.

Seit dem russischen Einmarsch sind nach UN-Angaben mehr als 1,3 Millionen Menschen aus der Ukraine geflohen. Wie viele Vertriebene noch im Land und auf ihrer Flucht gestrandet sind, ist unklar.