Ein Verkehrsflugzeug wurde auf dem Flughafen von Sudans Hauptstadt Khartum zerstört.
Ein Verkehrsflugzeug wurde auf dem Flughafen von Sudans Hauptstadt Khartum zerstört. Maxar Technologies/AP

Vielleicht hat es geholfen: Nachdem der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Volker Türk, ein sofortiges Ende der Kampfhandlungen im Sudan gefordert hatte, vereinbarten die verfeindeten Militärs eine 24-stündige Waffenruhe, die am Dienstag um 18 Uhr beginnen sollte.

Wegen des anhaltenden Beschusses seien Tausende Zivilisten in ihren Wohnungen und Häusern gefangen, oft ohne Strom und ohne Möglichkeit, Essen, Wasser oder Medikamente zu besorgen, hatte  Türk am Dienstag in Genf erklärt. Das Völkerrecht verlange, dass Schulen und Krankenhäuser geschützt werden. Nach UN-Angaben wurden durch die Gefechte mindestens 185 Menschen, Zivilisten wie Kämpfer, getötet und 1800 Personen verletzt. Die Kämpfe dauerten in mehreren Landesteilen an.

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Im Sudan (46 Millionen Einwohner) waren am Sonnabend Kämpfe zwischen den Truppen der beiden mächtigsten Generälen des Landes ausgebrochen. Die Männer führten das Land im Nordosten Afrikas seit einem gemeinsamen Militärputsch 2021.

Kampf des Junta-Chefs gegen seinen Stellvertreter

De-facto-Präsident Abdel Fattah al-Burhan, der auch Oberbefehlshaber der Armee ist, kämpft mit dem Militär gegen seinen Stellvertreter Mohammed Hamdan Daglo, den Anführer der mächtigen paramilitärischen Gruppe Rapid Support Forces (RSF). Eigentlich hätten die RSF der Armee unterstellt und die Macht im Land wieder an eine zivile Regierung übertragen werden sollen.

Mohamed Hamdan Daglo (oben) führt paramilitärische Einheiten, die gegen das Militär des faktischen Präsidenten Abdel Fattah al-Burhan (unten) kämpfen.
Mohamed Hamdan Daglo (oben) führt paramilitärische Einheiten, die gegen das Militär des faktischen Präsidenten Abdel Fattah al-Burhan (unten) kämpfen. Ashraf Shazly/AFP

Der deutsche UN-Vermittler Volker Perthes kritisierte, internationale Organisationen und Zivilisten würden bei den Gefechten nicht geschützt. In der Hauptstadt Khartum gab es Perthes zufolge weiter heftige Gefechte um die geschlossenen Brücken, den internationalen Flughafen und die Hauptquartiere des Militärs und der RSF.

Nach Angaben von Amnesty International richtete der Einsatz schwerer Waffen, darunter Artillerie, Panzer und Flugzeugen, in dicht besiedelten Gebieten in Khartum große Zerstörung an. Zivilisten seien mitten im Gefechtsgebiet gefangen, so Amnesty.

Unklar, welche Seite in Sudan die Oberhand behält

Wer in dem Machtkampf der rivalisierenden Lager die Oberhand hat, blieb angesichts der unübersichtlichen Lage und der widersprüchlichen Angaben beider Konfliktparteien unklar.

Anwohner in der Hauptstadt Khartum berichteten von anhaltenden Schüssen und Explosionen. Aber auch in anderen Teilen des Landes am Horn von Afrika gingen die Kämpfe weiter, so in der Stadt Merowe, die über einen wichtigen Flughafen verfügt, sowie in der Stadt Njala in Darfur. Der Gouverneur von Nord-Darfur, Nimr Abdul Rahman sagte, allein in seiner Region seinen mindestens 65 Menschen getötet und 160 weitere verletzt worden. Die Strom- und Wasserversorgung sei in Teilen Nord-Darfurs unterbrochen, so Rahman.

US-Außenminister Antony Blinken sprach nach Angaben seines Ministeriums  mit Al-Burhan und mit Daglo. Er habe die Dringlichkeit eines Waffenstillstands deutlich gemacht.

USA fordern Waffenstillstand zum Wohle der Zivilbevölkerung

Blinken habe an die Verantwortung der beiden Generäle appelliert, die Sicherheit und das Wohlergehen der Zivilisten, des diplomatischen Personals und der humanitären Helfer zu gewährleisten.

„Wir rufen alle Akteure auf, auf Gewalt zu verzichten, zu Verhandlungen zurückzukehren und aktive Schritte zu unternehmen, um Spannungen abzubauen“, heißt es im Abschlusspapier zum Treffen der G7-Außenminister, das am Dienstag im japanischen Erholungsort Karuizawa endete. 

Feuer und Rauch zeugen von den Kämpfen in Khartum und der Nachbarstadt Omdurman. Sie liegen am Zusammenfluß von Weißem und Blauem Nil.
Feuer und Rauch zeugen von den Kämpfen in Khartum und der Nachbarstadt Omdurman. Sie liegen am Zusammenfluß von Weißem und Blauem Nil. Abdullah Moneim/AP

UN-Vermittler Perthes betonte, er werde am Dienstag erneut versuchen, eine belastbare Waffenruhe zwischen den Konfliktparteien auszuhandeln. In Gesprächen mit ihren Anführern hätten beide Seiten sich gegenseitig die Schuld an der Eskalation gegeben.  

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Auch die EU bemühe sich, die Konfliktparteien davon zu überzeugen, eine humanitäre Feuerpause in Erwägung zu ziehen, teilte der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell mit. Details zu den Friedensbemühungen nannte er nicht.  

Die Präsidenten Kenias, Djiboutis und Südsudans sowie ein Vertreter der Afrikanischen Union wollen als Vermittler nach Khartum reisen. Aufgrund der anhaltenden Kämpfe war das bislang nicht möglich.

Krankenhäuser ohne Blutkonserven, Medikamente, Verbandsmaterial

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) verurteilte mindestens drei Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen. Dabei seien drei Menschen umgekommen. Neun Krankenhäusern in der Hauptstadt Khartum fehle es an allem, es seien nicht genügend Blutkonserven, Medikamente und Verbandsmaterial vorhanden. Wegen anhaltender Kämpfe sei es nicht möglich, die Krankenhäuser zu versorgen. Der Strom falle ständig aus, und es gebe nicht genügend Essen für Patienten. Mancherorts hätten militärische Kräfte Gesundheitseinrichtungen besetzt. „Diese Attacken müssen aufhören“, verlangte eine WHO-Sprecherin.

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Die Rotkreuz-Gesellschaften des Sudan und vieler anderer Länder stünden mit Tausenden Helfern vor Ort bereit, um zu helfen, sagte der Sudan-Chef der Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften (IFRC), Farid Abdulkadir. Es gebe Wasser und Nahrungsmittel für eine Verteilung, aber die Sicherheitslage lasse den Einsatz der Freiwilligen nicht zu, sagte er. Nur rund 240 Rotkreuzhelfer unterstützten das Personal in Krankenhäusern. „Wir verlangen humanitäre Korridore für unseren Einsatz“, sagte er. 

Die Vereinten Nationen (UN) haben insgesamt 4000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Sudan, darunter 800 Ausländer. Eine UN-Sprecherin in Genf wollte nicht kommentieren, ob es Pläne für Evakuierungen gibt. Die Absicht sei auf jeden Fall, vor Ort zu bleiben, und das humanitäre Mandat der UN zu verfüllen. UN-Generalsekretär António Guterres habe mit beiden Generälen gesprochen und versuche, einen Waffenstillstand zu erreichen, sagte die Sprecherin.

Bundeswehr bereitet Evakuierung von Deutschen aus Sudan vor

Die Bundeswehr bereitet wegen der Kämpfe eine Unterstützung des Auswärtigen Amtes im Falle einer militärisch abgesicherten Evakuierung deutscher Staatsbürger vor. Wenige hundert Deutsche halten sich in dem Land auf. „Die Bundeswehr verfügt über spezialisierte Kräfte, die sich fortlaufend auf das Szenario einer Evakuierungsoperation vorbereiten und dafür permanent abrufbereit gehalten werden“, sagte ein Sprecher des Einsatzführungskommandos.