Auch in Erfurt demonstrierten Menschen wie hier am 9.Mai gegen die Corona-Auflagen. Die Abstandsregelung bleibt jedoch auch nach den beschlossenen weitreichenden Lockerungen bestehen. Foto: Imago Images/photo2000

Familienfeiern, Essen in größeren Runden, Anstoßen bei bestandenen Prüfungen: Als erstes Bundesland hat Thüringen seit Samstag die Kontaktbeschränkungen wegen der Corona-Pandemie gestrichen. Bislang durften sich im Freiststaat nur Mitglieder von maximal zwei Haushalten treffen. Nun gelten nur noch Empfehlungen: Man soll sich nur mit einem weiteren Haushalt oder mit maximal zehn Menschen treffen.

Straffreiheit in Thüringen, Bußgeld in Bayern

Wer sich nicht an die Empfehlungen hält, muss mit keinerlei Konsequenzen rechnen. In anderen Bundesländern, wo die Beschränkungen meist noch bis mindestens Ende Juni gelten, drohen dagegen bei Verstößen Bußgelder. Bayern nannte den Weg des kleinen Nachbarlandes „unverantwortlich“, auch Hessen reagierte skeptisch. Als „verfrüht“, kritisierte Jenas Oberbürgermeister Thomas Nitzsche (FDP) den Vorstoß. Die Stadt war einst deutschlandweit Vorreiter in Sachen Maskenpflicht. Nitzsche befürchtet, dass Corona-Leugner und Masken-Gegner die neuen Freiheiten ausnutzen werden. „Die Disziplin vieler kann durch die Nichtdisziplin einiger weniger unterlaufen und am Ende komplett ausgehebelt werden. Und wir haben keine Handhabe dagegen.“

Passanten tummeln sich im Stadtzentrum von Erfurt. Als erstes Bundesland hob Thüringen die Kontaktbeschränkungen auf.  Foto: Martin Schutt/dpa-Zentralbild/dpa

Jenas OB Nitzsche hält Lockerung für „verfrüht“

Schon vor gut drei Wochen hatte Thüringens Landeschef Bodo Ramelow (Linke) bundesweit für Aufregung gesorgt, als er ankündigte, auf mehr Eigenverantwortung der Bürger zu setzen und deshalb von Verboten zu Geboten übergehen zu wollen. Alle Freiheiten haben die Thüringer aber nun trotzdem noch nicht zurück: In Bus, Bahn oder Tram gilt Maskenpflicht, genauso in Geschäften und Supermärkten. Diskotheken und Bordelle bleiben geschlossen. Ausladende Familienfeiern mit mehr als 30 Menschen in geschlossenen Räumen oder mehr als 75 Menschen unter freiem Himmel müssen bei der jeweiligen Kommune zwei Tage im Voraus angemeldet werden.

Bodo Ramelow (Die Linke), Ministerpräsident von Thüringen Foto: Martin Schutt/dpa-Zentralbild/dpa

Auch Mecklenburg-Vorpommern will die Zügel lockern und von Montag an die Obergrenze für Veranstaltungen im Freien auf 300 Teilnehmer erhöhen. In geschlossenen Räumen dürfen dann maximal 100 Personen zusammenkommen. Ebenfalls am Montag zieht Brandenburg nach und wagt den „bisher größten Schritt, den wir auf dem Weg zur Normalität während der Corona-Pandemie gegangen sind“, wie Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) ankündigte. Die Kontaktbeschränkung für zwei Haushalte oder bis zu zehn Menschen fällt weg.

Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) zieht am Montag mit Lockerungen nach. Foto: Imago Images/Martin Müller

Öffentliche und private Veranstaltungen dürfen ab 15. Juni wieder mit bis zu 1000 Menschen stattfinden, dazu zählen auch Gottesdienste und Konzerte. Für Demonstrationen gilt keine Obergrenze mehr, aber der Mindestabstand muss eingehalten und der Zutritt gesteuert werden.

Die Abstands- und Hygieneregelungen gelten grundsätzlich weiter. Die Maskenpflicht im Einzelhandel und Öffentlichen Nahverkehr wird auf Krankenhäuser, Pflegeheime, Reisebusse und Schiffsausflüge ausgeweitet.

Das Vorpreschen in Erfurt und Potsdam erhöht den Druck auf andere Bundesländer gleichzuziehen. Kanzlerin Angela Merkel und die Regierungschefs der Länder wollen sich am kommenden Mittwoch erstmals wieder persönlich im Kanzleramt treffen, um über weitere Schritte in der Corona-Pandemie zu beraten. Die Deutschen sind beim Thema Lockerungen allerdings gespalten: Einer Umfrage des Instituts Civey nach empfinden 47,5 Prozent der Befragten Lockerungen als richtig, 37,2 Prozent sehen sie kritisch.