Maria Kolesnikowa ist eine der führenden Oppositionellen in Weißrussland. Seit Montag fehlt von ihr jede Spur. Foto: Imago Images/Natalia Fedosenko

Minsk - Das spurlose Verschwinden der weißrussischen Oppositionspolitikerin Maria Kolesnikowa (38) wächst sich zum internationalen Polit-Krimi aus: Laut belarussischem Grenzschutz soll sie in der Nacht zu Dienstag versucht haben, über die Grenze in die Ukraine zu flüchten. Sie sei festgenommen worden. Dem widersprechen ukrainische Quellen.

In Wahrheit hätte die weißrussische Regierung versucht, Maria Kolesnikowa in einer Nacht-und-Nebel-Aktion abzuschieben, heißt es. Ukrainischen Medienberichten zufolge soll sie sich der Abschiebung widersetzt und ihren Pass zerrissen haben. Wo sich Kolesnikowa aufhält, ist weiterhin unklar. 

Die Demokratie-Aktivistin war am Montag verschwunden. Laut Koordinierungsrat der weißrussischen Opposition wurde sie zusammen mit einem Sprecher und einem Mitarbeiter „von Unbekannten im Zentrum von Minsk entführt“. Die Behörden äußerten sich zunächst nicht. Ihr Verschwinden löste daher international Besorgnis aus.

Grenzübertritt um 4 Uhr morgens?

„Kolesnikowa ist derzeit in Gewahrsam“, sagte am Dienstag dann ein Sprecher des Grenzschutzes. In der Nacht habe sie gegen 4 Uhr morgens Ortszeit versucht, die Grenze zu überqueren. Zwei weiteren Mitgliedern des oppositionellen Koordinierungsrates, die Kolesnikowa begleiteten, sei der Grenzübertritt gelungen.

Die Ukraine bestätigte die Einreise der beiden Begleiter von Kolesnikowa, widersprach aber der Darstellung aus Minsk. „Das war keine freiwillige Ausreise, es war eine erzwungene Abschiebung aus ihrem Heimatland“, so Vize-Innenminister Anton Geraschtschenko. Kolesnikowa habe „gehandelt“, um ihre Abschiebung zu verhindern. 

Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) und der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell hatten am Montag von den weißrussischen Behörden Aufklärung über den Aufenthaltsort der Oppositionellen und ihre Freilassung gefordert.

Roth bietet Haftpatenschaft an

Am Dienstag kündigte die Grünen-Politikerin Claudia Roth an, im Fall einer längeren Haft von Kolesnikowa eine Gefangenen-Patenschaft zu übernehmen. „Sie ist das Gesicht der demokratischen Bewegung in Belarus, ihr gilt meine große Solidarität, sie muss gestärkt und geschützt werden“, so Roth.

Hintergrund: Seit der umstrittenen Präsidentschaftswahl am 9. August demonstrieren die Menschen in Weißrussland gegen den seit 26 Jahren regierenden Staatschef Alexander Lukaschenko. Sie werfen der Regierung massiven Betrug bei der Wahl vor, die Lukaschenko - zumindest nach offiziellen Angaben - mit 80 Prozent der Stimmen gewonnen hatte. (mit AFP, dpa)