Ein russisches Verlegeschiff liegt im Hafen Mukran auf Rügen. Es wird dort für seinen Einsatz zum Weiterbau der Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 vorbereitet. Foto:  dpa/Stefan Sauer

Sassnitz - Die Situation erinnert an die Asterix-Geschichten, in denen das Gallier-Dorf einer römischen Übermacht trotzen muss: Sassnitz auf Rügen und Lubmin in Vorpommern sind mitten drin in einem Konflikt, dessen Protagonisten in Washington, Moskau, Brüssel und Berlin sitzen. Zwischen denen geht es wegen Nord Stream 2 heiß her - und nun ist die große Frage, ob das Milliardenprojekt zur Investment-Ruine wird.

Zunächst wurde in den USA ein Sanktionsgesetz erlassen, das auf Investoren und beteiligte Firmen der Gaspipeline zielt. Jetzt hat die Vergiftung des Kreml-Kritikers Alexej Nawalny die Debatte neu angeheizt, und auch die Bundesregierung steht plötzlich nicht mehr ganz so klar zu dem weit fortgeschrittenen Projekt. Hintergrund ist der Verdacht, dass Russland hinter dem Giftanschlag steckt - und bei Nord Stream 2 geht es um russisches Erdgas.

Laut Nord Stream 2 AG würden die US-Sanktionen gegen die Pipeline-Beteiligten 120 Unternehmen aus zwölf Ländern treffen, darunter 40 deutsche Firmen. Und: Sie würden Investitionen von 700 Millionen Euro zur Fertigstellung der Pipeline verhindern.

„Auf der Zielgeraden darf man nicht stehenbleiben“, sagt der Bürgermeister von Sassnitz, Frank Kracht (parteilos). Der Ort des 53-Jährigen und der Fährhafen Sassnitz-Mukran waren jüngst ins Visier von drei US-Senatoren geraten. Denn im Hafen wurden die Rohre für die Gaspipeline Nord Stream 2 mit Beton ummantelt, gelagert und verschifft.

Die Baustelle der Empfangsstation der Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 in Lubmin. Foto: dpa/Stefan Sauer

Die Senatoren drohten dem Fährhafen, wo noch Tausende Rohre lagern, mit schweren Sanktionen wegen seiner Rolle beim Bau der Pipeline. „Die Fährhafen Sassnitz GmbH soll zerstört werden“, interpretiert Kracht einen entsprechenden Brief. „Das war für mich der Gipfel der Unverfrorenheit.“

Noch fehlen 150 der beiden - insgesamt 2360 Kilometer langen - Stränge der Pipeline, die 55.000 Milliarden Kubikmeter Gas jährlich liefern soll. Viele Menschen in Vorpommern fordern, dass die Leitung vollendet wird. Experten in Moskau gehen mittlerweile davon aus, dass das erste Gas - wenn überhaupt - erst 2021 durch die Röhren gepumpt wird. 

In Lubmin soll das Erdgas ankommen

Neben Sassnitz spielt Lubmin eine zentrale Rolle: Dort soll das Erdgas ankommen und von dort aus verteilt werden. Auch die idyllisch beim Nationalpark Jasmund gelegene Stadt sah sich unvermittelt als Spielball der Weltpolitik.

Meck-Pomm-Staatssekretär Patrick Dahlemann sieht ebenfalls die positiven Effekte der Pipeline. Überall sei es zu spüren gewesen, dass die Bauarbeiter da waren. Politisch zeigt sich Dahlemann jedoch eher zurückhaltend: „Die Landesregierung kann sich nicht an den Spielchen beteiligen, die an das Szenario des Kalten Krieges erinnern.“

Die Erinnerung an diese Zeiten, als Deutschland noch geteilt und die Sowjetunion sehr nah war, ist in Vorpommern noch lebendig. Diese Vergangenheit prägt die Stimmung, so Lubmins Bürgermeister Axel Vogt (CDU). „Die Nähe zu Russland ist noch bei vielen Menschen da.“ 

Axel Vogt, Bürgermeister und Rettungsschwimmer, steht am Strand auf dem Rettungsturm von Lubmin. Foto: dpa/Stefan Sauer

So hinterfragen die Bürger von Lubmin auch die Vorgänge um die Vergiftung Nawalnys, in deren Zusammenhang die Forderung nach einem Baustopp von Nord Stream 2 laut wird. Vielleicht müsse der Kreis der Verdächtigen viel größer gezogen werden, so Vogt.

Er betont zudem, dass die Pipeline auf Basis internationaler Baugenehmigungen errichtet worden sei. „Wenn jetzt Rufe nach Baustopp laut werden, frage ich mich: Was hat das noch mit Rechtsstaatlichkeit zu tun?“ Was sei im Falle eines Baustopps mit dem Rückbau, der auch Milliarden kosten würde? Was ist mit Schadenersatz? „Wenn Nord Stream 2 nicht fertig wird, hätten wir eine große Investruine.“ (mit dpa)

Rohre für die Erdgas-Pipeline Nord Stream 2 liegen im Hafen Mukran auf Rügen. Foto: dpa/Stefan Sauer