Kracks! Eine Straßenwalze zerstört nachgemachte Uhren. An der Seite der Maschine steht auf Französisch: Eine Kopie? Nein, danke!
Kracks! Eine Straßenwalze zerstört nachgemachte Uhren. An der Seite der Maschine steht auf Französisch: Eine Kopie? Nein, danke! dpa/STOP PIRACY

Es ist ja toll, mit einer total „ächten Roleks“ aus dem Urlaub heimzukommen und anzugeben wie Graf Koks von der Gasanstalt. In der Schweiz ist man nicht amüsiert: Das kriminelle Milliardengeschäft von Banden, die gefälschte Luxusuhren fabrizieren lassen und verkaufen, geht an die Substanz.

Die Schweizer Uhrenexporte erreichten 2022 den Rekordwert von fast 25 Milliarden Euro, ein Plus von 11,4 Prozent. Insgesamt wurden 15,8 Millionen Armbanduhren ausgeführt. Eine unglaubliche Menge, aber 2016 waren es noch 25,4 Millionen. Schon damals gab Schätzungen, wonach doppelt so viel gefälscht wie exportiert wird.

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Schweizer machen gefälschte Uhren platt

Der Schweizer Uhrenindustrieverband FH greift zu brachialen, öffentlichkeitswirksamen Gegenmaßnahmen: Mit einer Walze werden alle paar Jahre mal Tausende kopierte Uhren plattgemacht. 15.000 Stück waren es vor zwei Jahren – vorgebliche Rolex, Breitling oder Patek Philippe.  

Mit dem wachsenden Onlinehandel nähmen auch die illegalen Geschäfte zu, sagt Yves Bugmann, Leiter der FH-Rechtsabteilung. Das habe in der Pandemie, als noch mehr Leute den Onlinehandel entdeckten, noch einen Schub bekommen. Die Detektive des Verbands entdeckten jährlich rund eine Million unseriöse Angebote, die dann über die Plattformbetreiber aus dem Netz genommen würden.

China, die große Fälscherwerkstatt

Hotspots für den Umschlag gefälschter Uhren sind nach Angaben von Bugmann die Arabischen Emirate, die Türkei und Länder in Asien. Hersteller sitzen nach Angaben der OECD vor allem in China (gut 53 Prozent) und Hongkong (24 Prozent). Mit weitem Abstand folgen Singapur und die Türkei.

Ein Klassiker bei Touristen ist die Rolex für 20 oder 30 Dollar vom Straßenmarkt oder Strand in Asien. So etwas zu kaufen, sei kein Kavaliersdelikt, wie viele meinten, sagt Eveline Capol, Leiterin der Geschäftsstelle des Schweizer Vereins Stop Piracy. „Sie unterstützen damit die organisierte Kriminalität.“ Und miese Arbeitsbedingungen in den Fälscherwerkstätten, samt Kinderarbeit.

Für den Uhrenverband, der auch den Zoll in anderen Ländern schult, sind weltweit Hunderte Anwälte und Ermittler tätig, auch vor der Fußball-WM in Katar waren sie unterwegs und machten Fälschungen in Läden ausfindig. Die Polizei sei dann mit Razzien gefolgt. „Zusammen mit unseren Partnern beschlagnahmen wir jedes Jahr zwei bis drei Millionen Uhren und Begleitmaterial wie Schatullen oder Garantiescheine“, sagt Bugmann.

Für manche Menschen ist eine Rolex ein Muss – egal, ob sie echt ist. Hauptsache, sie sieht teuer aus.
Für manche Menschen ist eine Rolex ein Muss – egal, ob sie echt ist. Hauptsache, sie sieht teuer aus. teutopress/imago

Kampf gegen Windmühlenflügel

Der Fachjournalist Thomas Gronenthal, der sich seit Jahren mit dem illegalen Markt beschäftigt und nach eigenen Angaben Fälscherfabriken in China besucht hat, lacht darüber: „Für jeden Hersteller oder Händler, dem das Handwerk gelegt wird, tauchen gleich drei neue am Horizont auf.“

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Nach seiner Beobachtung wird viel Gefälschtes in geschlossenen Gruppen in sozialen Medien verkauft. In solchen Gruppen geht es nicht um die Strand-Rolex, sondern oft um „Superklone“: Fälschungen von hoher Qualität, die auch mal ein paar Tausend Euro kosten. Das ist immer noch ein Bruchteil des Preises vieler echter Uhren.

Warum reiche Leute gefälschte Uhren kaufen

Manche Teilnehmer besäßen sogar Originale. „Die haben es nicht nötig, mit einer Fälschung auf dicke Hose zu machen“, sagt Gronenthal. Sie bestellten etwa, um die falsche Rolex im Urlaub zu tragen. Das echte Stück sei im Safe. Neben den Superklonen gibt es auch die „Frankenwatch“, in Anlehnung an das Monster von  Frankenstein, das aus Leichenteilen geschaffen wurde: Uhren, die teils aus echten, teils aus nachgemachten Teilen bestehen.