Ein Zimmermann beim Dachbau: Dort herrscht akuter Mangel an simplen Dachlatten. Foto: imago/Shotshop

Wer sich durch Deutschland bewegt, durchquert viel Wald, findet darin große Stapel gefällter Bäume. Doch auf dem Markt für Bau- und Möbelholz ist Knappheit und damit eine Preissteigerung ausgebrochen. Ein Rätsel, das gelöst gehört, und das mit der in weiten Teilen der Welt nach und trotz Corona wieder anlaufenden Konjunktur zu tun hat. Die Holzversorgung ist dafür ein Beispiel. Aus der Politik gibt es Forderungen nach Ausfuhrbeschränkungen auch für andere Materialien.

Der BFW, der Interessenverband privater Immobilienunternehmen, sieht ein schwerwiegendes Problem. Zahlreiche Bauträger und Projektentwickler fürchteten Verzögerungen und Stillstand wegen Materialmangels. Bei einer Umfrage unter bundesweit 1600 Mitgliedsunternehmen sahen 90 Prozent deutliche Engpässe bei Dämm-Material, Stahl und eben auch Holz, das kaum noch verfügbar sei. Das, begleitet von ständiger Teuerung, treffe private und öffentliche Bauherren gleichermaßen.

Susanne Klabe, BFW-Geschäftsführerin Berlin-Brandenburg: „Diese Entwicklung wird sich möglicherweise auch auf Neubaumieten niederschlagen.“ Zum Problem werde auch der verstärkte Einsatz von Holz im Neubau. „Den Einsatz dieses nachwachsenden Baustoffes begrüßen wir. Mit der künftigen Berliner Bauordnung soll Holz stärker zum Einsatz kommen, ist aber bereits heute knapp.“

Ralf Lüdke führt eine Bau- und Möbeltischlerei in Kreuzberg mit 20 Mitarbeitern. Der Tischlermeister schildert die Lage für das Handwerk: „Wir müssen betteln und nehmen, was wir kriegen.“ Und das sei schwierig. Beispielsweise verlange der Senat bei seinen Holzbau-Aufträgen den Einsatz  zertifizierten Holzes, bei dem für jeden gefällten Baum ein neuer gesetzt wird. Da dauere es von der Bestellung bis zur Lieferung mittlerweile sechs bis acht Wochen.

Dachlatten? Gibt es nicht

Ganz normale Kiefernbretter, die ihn vor wenigen Monaten noch 600 Euro/Kubikmeter kosteten, sind jetzt nur noch für 700 Euro zu haben. Bei Holzfenstern laufe die Preisentwicklung auf 30 Prozent plus zu. Dachdecker bekämen keine einfachen Dachlatten mehr. Da frage er sich schon, wie weit der Senat mit seinen Fantasien komme, auch Wohnhäuser aus Holz zu errichten.

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Bei der Knappheit und der Preisentwicklung sei es immer problematischer, bereits abgeschlossene Verträge im beim Angebot vereinbarten Zeit- und Kostenrahmen umzusetzen. Jetzt versuche er, neue Verträge so zu formulieren, dass ihre Realisierung ihm am Ende keine Verluste bringt.

Hans Peter Wollseifer stößt ins gleiche Horn. Der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks sagte dem Münchner Merkur,  zwischen den kurzfristig stark gestiegenen Preisen und der ursprünglichen Preiskalkulation klaffe bei vielen Betrieben „jetzt häufig ein großes Loch. Wenn die Betriebe den Vertrag dann ohne Preis-Anpassung erfüllen müssen, machen sie faktisch Verluste.“ Das stelle nicht wenige Handwerksunternehmen vor existenzielle Probleme. 

Ganz normale Kiefern-Bretter legten im Preis deutlich zu.
Foto: imago/Blickwinkel

Beim Senat sieht man das entspannt. Für die drei laufenden und rund 37 weiteren öffentlichen Vorhaben in Holzbauweise für Neubauten von Schulen und Schulerweiterungen seien weder Kostenfolgen noch Verzögerungen zu erwarten. „Die erforderlichen Abnahmemengen sind gesichert“, erklärte die Bauverwaltung. Man wird es sehen.

Denny Ohnesorge ist der Hauptgeschäftsführer des Hauptverbands der Deutschen Holzindustrie und bietet eine ganze Palette von Erklärungen für Mangel und Teuerung über alle Holzarten hinweg.

„Die Nachfrage nach Schnittholz und Holzwerkstoffplatten ist insbesondere im Do-it-yourself-Bereich stark gestiegen. Die Leute haben das zurückgelegte Geld für den Urlaub, den sie wegen Corona nicht gemacht haben, in Gartenhäuser, Terrassen oder Carports gesteckt“, sagt Ohnesorge. Das wurde zugleich durch die inzwischen beendete Mehrwertsteuersenkung befeuert. Im November und Dezember 2020 sei der Holzfertigbau um 20 Prozent stärker gelaufen als im Vorjahreszeitraum.

Was Trump mit deutschem Holz zu tun hat

Die Baukonjunktur sei unvermindert durch die Corona-Zeit gekommen, und nicht nur in Deutschland. „In den USA bauen sie wie verrückt“, sagt Ohnesorge. Das Land bediene sich beim Holz auch in Mitteleuropa. Das liege daran, dass die USA 2018 unter Donald Trump Strafzölle gegen Holz vom Hauptlieferanten Kanada eingeführt habe. Die seien zwar von Präsident Joe Biden halbiert worden, lägen aber immer noch bei neun Prozent und machten europäisches Holz für US-Abnehmer interessant, die von Billionen-Dollar-Wirtschaftsprogrammen profitieren.

Ohnesorge schränkt ein, dass die US-Nachfrage nur ein Teil des Problems sei. Denn wie in allen Branchen unterhielten die Betriebe und Händler normalerweise nur kleine Lager wegen des „Just-in-time“-Liefersystems. Produktionsstopps und leere Lager trafen im letzten Jahr auf eine ungewöhnlich hohe Nachfrage.

Schließlich führe die Holzknappheit zu dem vom ersten Lockdown bekannten Toilettenpapier-Effekt:  Zimmerer bestellten bei mehreren Händlern, um überhaupt etwas zu bekommen, und fegten deren Läger leer. Ein Verfahren, das auch Tischlermeister Lüdke anwendet, um sich zu bevorraten.

Rundholz liegt vor einem Sägewerk und wartet auf Verarbeitung. Foto: imago/Olaf Döring

Eine echte Holzverknappung existiere gar nicht, meint Denny Ohnesorge. Den eigentlichen Rohstoff gebe es überraschenderweise im Überfluss: „Weniger märkische Kiefer, eher Fichtenholz aus den Mittelgebirgen.“ Dort hätten Sturm, Schädlinge und Klimawandel für ein Überangebot gesorgt, das von den deutschen Sägewerken gar nicht bewältigt werden könne, die 2021 im vierten Jahr in Folge unter Volllast arbeiten dürften.

Allein beim Nadelholz stieg die Schnittholzproduktion 2020 um acht Prozent auf 25,1 Millionen Kubikmeter, von denen 20,4 Millionen in Deutschland verbraucht wurden. Der Export stieg jedoch auf 10 Millionen, während der Import bei 5,3 Millionen Kubikmetern stagnierte.

Wer am meisten zahlt, bekommt auch was

Der Überfluss beim Rohholz führte dazu, dass die Waldbesitzer gar nichts von den steigenden Preisen hätten. Die entstünden erst, wenn die Sägewerke ihre Produkte auf den Markt bringen. Kleinere Betriebe würden in der Regel vorwiegend an den Holzhandel oder direkt an Baumärkte liefern, große über ihre eigenen Vertriebswege auch ins Ausland. Und naturgemäß bekäme der Kunde den Zuschlag, der am besten zahlt.

Prof. Dr.-Ing. Ulrich Schwarz von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde sieht das etwas differenzierter. Es gebe durchaus eine hohe Nachfrage nach Rundholz, also dem, was nach dem Fällen am Waldweg lagert. China kaufe es in großen Mengen und zahle klaglos beispielsweise 90 Euro und mehr pro Kubikmeter frisch geschlagener Kiefern oder Fichten.

Anders sehe das für Waldbesitzer im Harz, im Weserbergland oder in Süddeutschland aus, die für ihr vieles „Schadholz“ aus abgestorbenen Bäumen mit Käferbefall sowie Trockenholzinsekten höchstens mal 40 Euro / Kubikmeter erzielen könnten –  unter anderem mit der Begründung, es könnten Insekten darin leben, die man nicht in einem Neubau brauchen kann. „Mit diesem Geld können sie weder aufforsten noch den Wald so umbauen, dass er dem Klimawandel besser widerstehen kann“, sagt Schwarz.

Baumaterial wird auf breiter Front teurer

Das interessiert den Endkunden wenig: Setzt man die Preise von 2015 in einem Index gleich 100, so lagen sie im März 2021 beim Bauholz bei 110, bei sogenanntem Konstruktionsvollholz bei 125. Eine rasante Steigerung in diesem Jahr, hatten die Index-Zahlen 2020 doch noch bei 97 beziehungsweise 100 gelegen. Im professionellen Baubereich führt die Konjunkturentwicklung auch bei anderen Materialien zu Preissprüngen: Beton legte beim Index 100 im Jahr 2015 auf zuletzt 119 zu, Stahl auf knapp 120, und Baukies sogar auf 129.

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Echte Sorgen hat auch das Elektrohandwerk mit 516.000 Beschäftigten in 50.000 Betrieben: Angesichts sich zuspitzender Lieferengpässe wächst dort die Sorge vor Kurzarbeit und Einnahmeausfällen. Die Materialknappheit könne dazu führen, dass sich Aufträge stark verzögerten oder abgesagt werden müssten, warnte kürzlich der Zentralverband der Deutschen Elektro- und Informationstechnischen Handwerke. Die damit verbundenen Preissteigerungen im Einkauf könnten nicht direkt an die Kunden weitergegeben werden, so dass trotz voller Auftragsbücher wirtschaftliche Schieflagen drohte.

Rar seien derzeit fast alle Kunststoffe und Isolierstoffe für Kabel. Grund sei ein Lieferstopp des Hauptlieferanten aus den USA, weil dort die Wirtschaft wieder hochgefahren werde. Auch bei Kupfer und Stahl, bei Verteilerdosen und Schalter herrsche Knappheit. Überall dort, wo der Bau betroffen sei, habe das auch direkte Auswirkungen auf Verbraucher: Bei Neubauprojekten oder Renovierungen verschöben sich die Zeitpläne teils erheblich.

Selbst Computer-Chips seien rar, und das hat das Elektrohandwerk mit der Autoindustrie gemeinsam: Weltweit hakt dort die Produktion, weil nicht genügend Chips auf dem Markt sind, Ford beispielsweise legte die Produktion unter anderem in seinem Kölner Werk auf Wochen still.

Forderung nach EU-Ausfuhrbeschränkungen

Thüringens Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) hat zeitweilige Exportbeschränkungen im Kampf gegen Rohstoffknappheit in der EU ins Spiel gebracht. „Bei Holz, Kunststoffen, Baumaterial, aber auch Stahl bekomme ich aus dem Handwerk, aber auch aus der Automobilindustrie immer mehr Hilferufe wegen der Lieferengpässe und sprunghaft ansteigender Preise“, sagte Tiefensee. Er wolle das Problem bei der nächsten Wirtschaftsministerkonferenz ansprechen.

Tiefensee plädierte für eine schnelle Ausweitung der Stahl- und Kunststoffproduktion, der Sägewerkskapazitäten und für eine Erschließung von Recycling- oder alternativen Rohstoffen. Als letztes Mittel seien aber auch temporäre Exportbeschränkungen durch die EU denkbar. „Wenn wichtige Rohstoffe hier benötigt werden, dann müssen wir dafür sorgen, dass sie auch hier verfügbar sind.“

Eine Forderung, der sich Handwerkspräsident Wollseifer anschließt:„ Sollte sich die Lage unserer Betriebe weiter verschärfen, sollten angesichts der wirklich sehr angespannten Situation zumindest interimsmäßig Exportbeschränkungen angedacht werden.“