Taliban eroberten erst am Sonntag mit Dschalalabad die vorletzte Großstadt Afghanistans. AFP

+++ 16. August 2021 +++

Evakuierung deutscher Staatsbürger aus Kabul hat begonnen

Die Evakuierung deutscher Staatsbürger aus der afghanischen Hauptstadt Kabul hat begonnen. In der Nacht zu Montag landeten nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur 40 Mitarbeiter der deutschen Botschaft mit einem US-Flugzeug in Doha im Golfemirat Katar. An Bord der Maschine waren auch vier Angehörige der Schweizer Vertretung in Afghanistan.

Die militant-islamistischen Taliban hatten in den vergangenen Tagen in einem rasanten Tempo eine Stadt nach der anderen teilweise kampflos eingenommen, waren am Sonntag auch in die Hauptstadt Kabul eingedrungen und haben bereits den Präsidentenpalast in ihrer Kontrolle. Die Bundesregierung hatte angesichts der dramatischen Lage am Freitag entschieden, das Botschaftspersonal auf ein Minimum zu reduzieren. Am Sonntag wurden alle Mitarbeiter zum Flughafen gebracht, der von tausenden US-Soldaten abgesichert wird.

Transportflugzeuge vom Typ Airbus A400M der Luftwaffe stehen für die Evakuierung deutscher Staatsbürger und afghanischer Ortskräfte aus Kabul bereit. Moritz Frankenberg/dpa

Der erste Evakuierungsflug wurde mit einer US-Maschine absolviert, da die Bundeswehr erst in der Nacht zu Montag zwei Transportmaschinen vom Typ A400M vom niedersächsischen Wunstorf aus nach Kabul losschicken wollte. Sie sollen in den nächsten Tagen zentraler Bestandteil einer „Luftbrücke“ sein, über die neben den Botschaftsmitarbeitern auch andere deutsche Staatsbürger sowie Ortskräfte, die für die Bundeswehr oder Bundesministerien in Afghanistan gearbeitet haben oder noch arbeiten, nach Deutschland gebracht werden sollen.

Die beiden A400M, die Platz für 114 Passagiere bieten und über besonderen Schutz gegen Angriffe beispielsweise mit Raketen verfügen, fliegen die Betroffenen in ein „Drittland“ aus, das von der Bundesregierung aus Sicherheitsgründen noch nicht genannt wird. Von dort geht es mit zivilen Maschinen weiter nach Deutschland. Wieviele Menschen insgesamt ausgeflogen werden sollen ist noch unklar.

Die Evakuierungsaktion wird von Fallschirmjägern der Division Schnelle Kräfte der Bundeswehr unterstützt, die eine Spezialausbildung für solche Einsätze hat. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) hatte den Einsatz am Sonntag als gefährlich bezeichnet. „Wir sind auf alle Szenarien eingerichtet“, sagte sie.

Außenminister Heiko Maas (SPD) sagte, dass die Machtübernahme der Taliban unmittelbar bevorstehe. In dieser Situation müsse die Sicherheit der deutschen Staatsangehörigen und der afghanischen Mitarbeiter der vergangenen Jahre „oberste Priorität haben“.

US-Soldaten feuern wegen Menschenmenge auf Kabuler Flughafen Schüsse in die Luft 

US-Soldaten haben am Flughafen von Kabul Schüsse in die Luft abgegeben, um eine riesige Menschenmenge auf dem Rollfeld unter Kontrolle zu bringen. „Ich habe sehr viel Angst. Sie feuern viele Schüsse in die Luft“, sagte ein Zeuge der Nachrichtenagentur AFP am Montag. Nach der Einnahme von Kabul durch die radikalislamischen Taliban haben sich tausende Afghanen in der Hoffnung auf eine Möglichkeit zur Flucht am Flughafen versammelt.

+++ 15. August 2021 +++

Kabul war die letzte Bastion der Regierungstruppen – doch nun ist auch das Schicksal der Hauptstadt Afghanistans besiegelt. Die radikalislamischen Taliban sind bis vor die Tore der Stadt vorgerückt. Allerdings haben die Islamisten ihre Kämpfer angewiesen, nicht nach Kabul vorzudringen, wie aus einer am Sonntag veröffentlichten Erklärung hervorging.

Innenminister Abdul Sattar Mirsakwal sprach von einer Vereinbarung für einen friedlichen Machtwechsel. Es werde keinen Angriff auf die Stadt geben, sagte Mirsakwal in einem am Sonntag veröffentlichten Video. Die Sicherheit der Stadt sei garantiert. Wenige Stunden später hieß es bereits, der afghanische Präsident Aschraf Ghani habe das Land verlassen.

In sozialen Netzen waren zuvor Bilder von Taliban-Kämpfern zu sehen, die sich im Präsidentenpalast in Kabul präsentierten. AP Photo/Zabi Karimi

Ghani schrieb am späten Sonntagabend (Ortszeit) auf Facebook, er habe vor einer schweren Entscheidung gestanden. Wäre er geblieben, wären zahlreiche Landsleute getötet und die Stadt Kabul zerstört worden. Die Taliban hätten in der Vergangenheit erklärt, dass sie bereit seien, blutige Angriffe auf Kabul zu verüben, um ihn von der Macht zu vertreiben. „Ich entschied mich zu gehen, um dieses Blutvergießen zu verhindern.“

Chaotische Szenen in Kabul

In Kabul selbst spielten sich dennoch chaotische Szenen ab. In Panik geratene Angestellte flohen aus Regierungsbüros. Es kam zu einer Schießerei vor einer Bank, wie ein Bewohner der Stadt sagte. Viele Menschen versuchten, ihr Erspartes abzuheben, Lebensmittel zu kaufen und zu ihren Familien heimzukehren.

Ein Soldat aus Kabul sagte, seine gesamte Einheit habe die Uniformen abgelegt. Zur Bildung einer Übergangsregierung für deren Führung der ehemalige afghanische Botschafter in Deutschland, Ali Ahmad Jalali, als Kandidat gehandelt wurde, wird es nicht kommen. Diese war von den Islamisten auch stets abgelehnt worden.

„Es gibt bewaffnete Taliban-Kämpfer in unserer Nachbarschaft, aber es wird nicht gekämpft“, beschrieb ein Bewohner eines östlichen Vororts der Hauptstadt die Lage. Die Islamisten hatten in den vergangenen Tagen eine afghanische Stadt nach der anderen oft kampflos eingenommen. So auch am Sonntag die Stadt Dschalalabad, die Hauptstadt der Provinz Nangarhar.

Die Taliban begründeten ihr Einrücken in die Hauptstadt entgegen vorherigen Bekundungen mit der Desertation weiter Teile der Sicherheitskräfte. Diese habe das Entsenden von Streifen notwendig gemacht, um Plünderungen zu verhindern. Der TV-Sender Al Dschasira zeigte Bilder von Taliban im Präsidentenpalast und untermauerte so deren bislang unbestätigten Angaben, sie hätten das Gebäude unter Kontrolle.

Evakuierungs-Mission: Erste Deutsche ausgeflogen

Die USA, Deutschland und andere westliche Staaten arbeiten unter Hochdruck daran, ihre Bürger und Ortskräfte auszufliegen. Im Land sind noch rund 100 Deutsche sowie Hunderte Ortskräfte, die in Afghanistan für Deutschland gearbeitet haben. „Ein Teil von ihnen wird noch im weiteren Verlauf des Tages ausgeflogen“, sagte Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) am Sonntagabend. In der Nacht zu Montag landeten nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Afghanistan mit einem US-Flugzeug in Doha im Golfemirat Katar.

Ein US-Militärhubschrauber überfliegt die Stadt Kabul.  dpa/Rahmat Gul

Berlin bereitet sich auf Flüchtlinge aus Afghanistan vor

So gilt es auch, sich auf den Strom von Flüchtlingen einzustellen, die am Hindukusch der Gewaltherrschaft der Taliban entkommen wollen. Das Land Berlin hat sich zur Aufnahme von Flüchtlingen aus Afghanistan bereit erklärt. Gemeinsam mit anderen Bundesländern würde Berlin ein Kontingent von Flüchtlingen aufnehmen, „die sich in Afghanistan für den Aufbau der Demokratie eingesetzt haben“, sagte Innensenator Andreas Geisel (SPD) dem Tagesspiegel (Sonntagsausgabe). Dafür seien allerdings „dringend Entscheidungen auf Bundesebene“ nötig.

Die Berliner Integrationssenatorin Elke Breitenbach von der Partei Die Linke warb im Tagesspiegel ebenfalls für eine „humanitäre Hilfsaktion, an der sich Berlin selbstverständlich beteiligen wird“.

Auch die Grünen-Spitzenkandidatin für die Abgeordnetenhauswahl in Berlin, Bettina Jarasch, sieht Deutschland und Berlin in der Verantwortung. „Berlin muss dem Bund ein Angebot machen, im Rahmen des deutschen Handelns ein Kontingent Flüchtlinge aufzunehmen“, sagte sie der Zeitung.