Einsatzkräfte der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen retten einen Säugling im Mittelmeer vor Libyen. dpa/Ahmed Hatem

Einst ritten sie mit dem Esel heimlich nach Afghanistan. Heute sind sie in kürzester Zeit in den Katastrophengebieten der Welt. Seit 50 Jahren gibt es nun die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. Darüber kann sich Christian Katzer, Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen in Deutschland, allerdings nur mäßig freuen.

50 Jahre seien kein Grund zu feiern, sagt Katzer, denn humanitäre Hilfe sei noch immer notwendig. Dennoch sei man stolz auf das, was in den vergangenen Jahren geleistet wurde.

1999 bekamen Ärzte ohne Grenzen den Friedensnobelpreis

Und diese Liste ist lang. Ob beim Libanonkrieg, dem Völkermord in Ruanda, dem Bosnienkrieg, Naturkatastrophen und Ebola-Ausbrüchen – die Hilfsorganisation war mit ihren Beschäftigten in den größten Notlagen der vergangenen Jahrzehnte vor Ort. 1999 erhielt die Organisation für ihre „bahnbrechende humanitäre Arbeit“ sogar den Friedensnobelpreis.

Weltweit agiert Ärzte ohne Grenzen mit etwa 64.000 Beschäftigten in 88 Ländern. Dass Ärzte ohne Grenzen einmal so groß werden würde, war anfangs kaum abzusehen. Am 21. Dezember 1971 schlossen sich Ärzte und Journalisten in Paris zusammen und gründeten Médecins sans frontières (MSF). Einige von ihnen hatten im Biafra-Krieg in Nigeria Hilfe geleistet und waren frustriert, nicht mehr tun zu können.

Griechenland: Auf Lesbos eröffneten die Helfer eine Corona-Station in der Nähe des Flüchtlingslagers Moria. dpa/Anna Pantelia/MSF/Médecins Sans Frontières

Sie wollten die Nothilfe besser organisieren und mehr Aufmerksamkeit für Notlagen schaffen, nicht mehr zu Einsätzen schweigen. MSF sollte so medizinische Hilfe mit Öffentlichkeitsarbeit vereinen und Sprachrohr sein.

Humanitäre Hilfe als Spielball der Politik

Doch beides unter einen Hut zu bekommen, stellte sich als schwieriger Spagat heraus, wie das ehemalige Vorstandsmitglied Tankred Stöbe erzählt: „Indem ich was berichte, mache ich mich ja immer auch politisch angreifbar.“ Die Auswirkungen von Berichten seien schwer einschätzbar, so etwa im Syrienkrieg beim Thema Giftgasangriffe.

„Wir wussten, wenn wir hier von Giftgas sprechen, dann könnte das ein Grund sein für die Amerikaner, in den Konflikt einzusteigen.“

Flucht und Vertreibung nimmt weltweit zu

Mit den Jahren änderten sich bei MSF die Umstände der Arbeit. Einst ritten sie heimlich auf Eselskarawanen nach Afghanistan ein, konnten monatelang kaum Zeichen von sich geben. Heute sei das unvorstellbar. Teams seien regelmäßig erreichbar, und man könne innerhalb von Stunden in alle Winkel dieser Welt kommen, erzählt Stöbe.

In 88 Staaten sind die Helfer im Einsatz. dpa-infografik GmbH

Gleichzeitig hat sich auch das Einsatzgebiet von MSF verändert. „Nicht nur in exotischen Kontexten, auch in Europa müssen wir helfen“, sagt Stöbe. An der polnischen Grenze etwa, wo Menschen erfrören, auf griechischen Inseln und im Mittelmeer. Flucht und Vertreibung sei eine der zunehmend globalen Krisen.

Eine weitere solche Krise ist die Corona-Pandemie, die auch logistisch eine riesige Herausforderung für die Organisation war, etwa weil Flugverbindungen gestoppt wurden und neben Grundproblemen in ärmeren Ländern wie Tuberkulose und Malaria nun das Coronavirus hinzukam. Schwierig war das auch deshalb, weil häufig Aufklärung fehlte, aber auch Ressourcen wie Sauerstoff und nicht zuletzt Impfstoffdosen.

Mit Blick auf die Zukunft ist es vor allem die Klimakrise, die MSF umtreibt. Und weil diese „Katastrophen mit Ansage“ vorhersehbar seien, verändere dies erneut die Arbeit der Helfer: „Wirbelstürme, Überschwemmungen – das sind alles vorgezeichnete Entwicklungen, auf die wir uns vorbereiten müssen“, sagt Stöbe. „Und das ist neu, dass wir tatsächlich nicht nur reaktiv, sondern strategisch nach vorne planen müssen.“

Noch weiter nach vorne gedacht hat Stöbe einen ungewöhnlichen Wunsch: 2071 kein 100. Jubiläum feiern zu müssen.