„Next, please!“ Ein Impfhelfer winkt in der Kathedrale von Salisbury mit der Wartenummer 5. Foto: AFP/Justin Tallis

David Halls ist weder Arzt, Pfleger noch Sanitäter, aber er wollte trotzdem zum Kampf gegen Covid-19 beitragen. Deshalb tat er, was er am besten kann: Der Organist setzte sich an die Orgel der Kathedrale im englischen Salisbury und fing an zu spielen. Das 800 Jahre alte Gotteshaus dient derzeit als Impfzentrum.

Halls unterstützt die Impfungen, indem er die Besucherinnen und Besucher dabei im Kirchenschiff mit Stücken von Bach, Händel und dem Songwriting-Duo Rodgers & Hammerstein unterhält. „Menschen sehnten sich sowohl in Krisenzeiten als auch in Momenten der Freude nach Musik“, sagt der musikalische Direktor der Kathedrale. Auf Leute, die sich aus verschiedenen Gründen gestresst fühlten, habe Musik eine beruhigende Wirkung.

Die Kathedrale, die den mit 123 Metern höchsten Kirchturm Englands verfügt, ist eine von vielen Massen-Impfzentren im Land. Auch in Fußball-Stadien und Kongresszentren hat die Regierung Zentren eingerichtet, um möglichst schnell viele Briten zu impfen.

Lesen Sie auch: Briten impfen seit 8. Dezember >>

Hunderte ältere Einwohner rollten schon ihre Ärmel hoch und ließen sich im großen Hauptschiff der Kirche die Spritze verabreichen. Der Raum ist groß genug, um auch mit vielen Menschen die nötigen Sicherheitsabstände einhalten zu können. Zu den Zuhörern gehörten die 82-jährige Sylvia Parkin und ihr vier Jahre älterer Mann David. Zu ihrem Leidwesen haben die Eheleute die vergangenen zehn Monate oft zu Hause verbracht. „Das ist ein Ausflug heute, was?“, sagte Sylvia Parkin fröhlich. „Ein wunderbarer Ort, um eine Spritze zu bekommen.“

 Lord John Cheney braucht keine Spritze mehr - er ist schon seit 1499 tot. Lebendige Engländer warten neben seinem Grabmal in der Kathedrale von Salisbury auf die Corona-Spritze.  Foto: AFP/Justin Tallis

An der Impfaktion in der Kathedrale sind viele Helfer beteiligt. Organisten wechseln sich alle zwei Stunden an der Orgel „Father Willis“ ab - und achten darauf, dass das Instrument zwischendurch desinfiziert wird. Viele der älteren Menschen, die zur Impfung kämen, lebten einsam und hätten seit Monaten keine Livemusik hören können, sagt der stellvertretende musikalische Direktor John Challenger.

Neben beruhigenden Stücken nutzt er seine Zeit an der Orgel auch für unterhaltsame Kompositionen, die Erinnerungen wecken, wie Mendelssohns Hochzeitsmarsch. „In leichtsinnigeren Momenten habe ich ‚I Do Like to Be Beside the Seaside‘ gespielt, weil wir alle Urlaub machen wollen und nicht dorthin konnten, wo wir hinwollten“, sagt Challenger mit Blick auf einen beliebten britischen Song aus dem frühen 20. Jahrhundert.

Es werden auch Wünsche erfüllt. So gab Halls Händels Largo und Bachs „Jesus bleibet meine Freude“ für einen 80-jährigen Nachbarn zum Besten. Dieser hatte per E-Mail darum gebeten, dass seine Lieblingsstücke exakt zu seinem Impftermin erklingen. Anschließend sah Halls auf einer Kameraübertragung für den Organisten aus dem Kirchenschiff, wie sein Nachbar begeistert winkte und sich bedankte. „Später hat er mit eine E-Mail geschickt und geschrieben, es sei der beste Tag in seinem Leben nach seinem Hochzeitstag gewesen“, erzählt Halls. „Direkt danach an zweiter Stelle zu kommen, ist ziemlich gut, finde ich.“

Eine Helferin prüft, ob die Spritze mit dem Biontech/Pfizer-Impfstoff richtig aufgezogen ist. Vielleicht hilft auch Erzengel Michael, in dessen Kapelle in der Kathedrale von Salisbury geimpft wird.   Foto: AFP/Justin Tallis

Großbritannien will bis Mitte Februar mehr als 15 Millionen Menschen eine erste Impfdosis anbieten. Die erste Phase des Programms zielt vor allem auf die ältesten und meistgefährdeten Einwohner ab. Dann werden schrittweise jüngere Menschen folgen. Bis September sollen alle Erwachsenen im Land geimpft sein.

Lesen Sie auch: London ging durch die Corona-Hölle >>

Die Zeit drängt. Das britische Gesundheitssystem ist am Limit, seit Ärzte und Schwestern gegen eine besonders ansteckende Mutation von Covid-19 kämpfen. Während die Neuinfektionen offenbar nicht weiter ansteigen, nimmt die Zahl der Patienten im Krankenhaus weiter zu. Fast 40.000 Menschen werden derzeit in britischen Kliniken behandelt - das sind 80 Prozent mehr als in der ersten Welle der Pandemie im April vergangenen Jahres. Großbritannien meldete an die 95.000 Todesfälle in Zusammenhang mit dem Coronavirus und damit mehr als jedes andere Land in Europa. Weltweit ist es die fünfhöchste Zahl.