Auch der Handel nutzte die Gunst der Stunde und erhöhte Preise stärker als durch die Inflation nötig. 
Auch der Handel nutzte die Gunst der Stunde und erhöhte Preise stärker als durch die Inflation nötig.  dpa/Bernd Wüstneck

Die Horror-Inflationsrate von 10 Prozent drückt den Deutschen auf den Geldbeutel, die Preissprünge sind enorm und betreffen sämtliche Lebensbereiche. Legten Strom und Gas am stärksten zu, kletterten die Preise für Lebensmittel ebenso sprunghaft im Vergleich zum November des Vorjahrs an: 34 Prozent teurer wurden Molkereiprodukte und Eier, Brot und Getreideerzeugnisse zogen um 21,1 Prozent an, Gemüse um 20,1 Prozent. Bei Möbeln und Leuchten zahlen Verbraucher 9,9 Prozent mehr, bei Autos 9,1 Prozent.

Firmen nutzten Inflation schamlos aus, um Gewinne zu erhöhen

Die Liste ließe sich unendlich fortsetzen. Doch geht es bei den Preissteigerungen wirklich nur um die höheren Kosten bei der Herstellung? Oder ist schlicht Abzocke der Kunden der wahre Grund? Was Verbraucher schon lange mutmaßten, belegen Wirtschaftsforscher jetzt schwarz auf weiß: In einigen Branchen haben Firmen aus den drastischen Preisexplosionen kräftig Profit geschlagen, macht Joachim Ragnitz, stellvertretender Leiter der Ifo-Niederlassung in Dresden anhand von Daten der amtlichen Statistik zur Wirtschaftsleistung klar.

„Einige Unternehmen scheinen den Kostenschub als Vorwand dafür zu nehmen, durch eine Erhöhung ihrer Absatzpreise auch ihre Gewinnsituation zu verbessern“, so der Ifo-Experte. Diese Abzock-Preise dürften dann wiederum die Teuerungsrate weiter angeheizt haben.

Welche Branchen haben besonders profitiert?

Und welche Branchen haben besonders dreist aufgeschlagen? Laut Ragnitz wurden in der Land- und Forstwirtschaft einschließlich Fischerei, im Baugewerbe und im Handel, Gastgewerbe und Verkehr Kunden besonders übers Ohr gehauen. Dort haben die Unternehmen ihre Preise deutlich stärker erhöht als es aufgrund der gestiegenen Vorleistungspreise allein zu erwarten gewesen wäre. Das Ausmaß ist erheblich: In der Landwirtschaft waren die Aufschläge um mehr als 60 Prozent höher als nötig, im Baugewerbe um 20 Prozent und im Handel immerhin um 9 Prozent, ergaben die Ifo-Berechnungen.

Allerdings stellt Ragnitz auch klar, dass die Inflation insgesamt „zu einem ganz erheblichen Teil“ tatsächlich auf die gestiegenen Kosten der Unternehmen zurückzuführen sei. Auch Firmen müssen horrende Kosten für Strom und Gas stemmen. Außerdem stiegen mit Anhebung des Mindestlohns auf 12 Euro brutto je Stunde ab 1. Oktober 2022 in vielen Betrieben auch die Personalkosten.

Dazu kommen auch höhere Rohstoffpreise. So wurden etwa landwirtschaftliche Rohstoffe durch die weltweite Verknappung besonders infolge des Ukraine-Kriegs auf dem Weltmarkt auch erheblich teurer. Für den Bau und Handel fällt diese Erklärung der hohen Preisaufschläge jedoch weg, weil dort die Produkte nicht global gehandelt werden. Trotzdem kletterten die Preise enorm. Dies lässt für die Forscher nur den Schluss zu, dass hier offenbar viele Unternehmen die Gunst der Stunde genutzt haben, um die Preise kräftig anzuheben, obwohl ihre Produktionskosten kaum gestiegen sind.

Der Dresdner Ifo-Vizechef Joachim Ragnitz hat die größten Abzock-Branchen aufgelistet.
Der Dresdner Ifo-Vizechef Joachim Ragnitz hat die größten Abzock-Branchen aufgelistet. dpa/Bernd Settnik

Eine Rolle spielte dabei auch, dass nach den Beschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie bei den privaten Haushalten hohe Ersparnisse aufgelaufen waren, die den Konsum 2022 weiter befeuerten. Auch die milliardenschweren Entlastungen durch die Regierung dürften dazu beigetragen haben, die Nachfrage zu stützen und damit Spielräume für Preisanhebungen zu erweitern.

Doch dies treibt auch in völlig anderen Bereichen wie etwa bei Hygiene-Artikeln seltsame Blüten. Extreme Preisaufschläge sind auch hier kaum zu rechtfertigen. „Es gibt Drogerieartikel, wo man es nicht unbedingt nachvollziehen kann“, erklärt Sven Reuter, Entwickler einer Preisvergleichsapp, gegenüber dem SWR. Zum Beispiel sei bei einer Seife der Preis sogar um 90 Prozent gestiegen.

Dass der Staat eingreifen sollte, um solche unverhältnismäßigen Preissteigerungen zu unterbinden, hält Ragnitz aber trotzdem für keine gute Idee. Letztlich wird es die Konkurrenz unter den Anbietern schaffen, die Preiserhöhungen einzudämmen. Außerdem hat auch der Verbraucher die Zügel in der Hand, indem er billigere Produkte sucht, um so die Gewinninflation zu dämpfen.