Die Corona-Warn-App dient nicht der Nachverfolgung von Kontakten. Sie soll lediglich Infektionsketten unterbrechen. Foto: Imago Images/Tim Oelbermann

Berlin - Die Hoffnungen, die die Menschen in die Corona-Warn-App setzten, war groß. 20 Millionen Euro ließ sich der Bund das Instrument zur Unterbrechung von Corona-Infektionsketten kosten. Dennoch scheint sich das Virus unkontrolliert zu verbreiten, weshalb deutschlandweit ab kommendem Montag ein teilweiser Lockdown gilt. Hat die Corona-Warn-App also versagt?

Nein, meint Anke Domscheit-Berg, Digitalexpertin der Linken im Bundestag. „Jetzt ist die Sternstunde der Corona-Warn-App“, sagte sie der Berliner Zeitung. Das Gesundheitsamt sei bei der Kontaktnachverfolgung auf die Erinnerung der Infizierten angewiesen. „Ich kann sagen, wer neben mir auf einem Geburtstag war oder zu welchen Arbeitskollegen ich Kontakt hatte. Aber niemand weiß, wer mit einem selbst in der Bahn oder im Bus sitzt.“ Hier sei es Aufgabe der App anstelle der Gesundheitsämter, Infektionsketten zu unterbrechen. „Daher ist sie jetzt wichtiger als je zuvor. Aber sie allein reicht nicht aus.“

Einige Ärzte und Labore machen nicht mit

Denn die App könne nur in einem Ökosystem funktionieren. Es brauche Ärzte und Labore, die mitmachen, und funktionierende Prozesse zwischen den Beteiligten. „Hier gibt es viele Schwachstellen.“ Noch immer würde eine Vielzahl von Getesteten nicht digital per App über ihr Ergebnis informiert, weil Ärzte nicht über diese Möglichkeit aufklärten. Darüber hinaus weigerten sich zehn Prozent der niedergelassenen Labore, Testergebnisse an die App zu melden. Unter den Krankenhauslaboren sei fast keines an das App-System angeschlossen.

Lesen Sie dazu auch: Einsatzbefehl: Tausende Polizisten sollen Corona-Sünder jagen!

Hier bedürfe es noch einiger Entwicklungsarbeit, meint Bernd Schlömer, Mitglied der FDP im Berliner Abgeordnetenhaus. „Es geht um die Digitalisierung des gesundheitlichen Informationswesens hinter der App. Hier stehen wir erst am Anfang eines sehr komplexen Prozesses. Eine Taskforce Gesundheitsdigitalisierung, das wäre was“, sagte Schlömer der Berliner Zeitung.

Mitverantwortlich für die Probleme sind laut Domscheit-Berg die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, die kassenärztliche Vereinigung und der Bund. „Wo sind denn die Plakate und viralen Erklärvideos? Wo sind die Aufklärungskampagnen?“, fragt sie. Den Menschen sei oft nicht klar, dass die App mehr Funktionen habe, als nur den Nutzer selbst zu warnen. Lediglich 60 Prozent derjenigen, die ihr Testergebnis über die App bekommen, meldeten einen positiven Befund an das Warnsystem. Schlömer appelliert hier an jeden Einzelnen, verantwortungsvoll mit den Informationen umzugehen. „Es hängt immer von der Eigenverantwortung der Menschen ab.“

Darüber hinaus sei es ein Missverständnis zu denken, die App diene dem Nachverfolgen von Kontakten und übernehme daher Aufgaben der Gesundheitsämter, gibt die Deutsche Telekom, die die Warn-App gemeinsam mit SAP entwickelt hat, zu bedenken. „Es handelt sich nicht um eine Tracking-App, die mir sagt, wann, wo und bei wem ich mich angesteckt habe“, sagt eine Sprecherin der Berliner Zeitung. „Wir haben eine steigende Anzahl von Positivmeldungen, Nutzer bekommen vermehrt Warnungen auf ihr Smartphone. Die App funktioniert also.“

Ulrich Kelber, Bundesdatenschutzbeauftragter, erklärt gegenüber der Berliner Zeitung, dass dieser hohe Datenschutzstandard einer der wesentlichen Gründe für die hohe Akzeptanz und Verbreitung der App sei. „Die Corona-Warn-App kann nur dann einen Beitrag zur Eindämmung der Pandemie leisten, wenn möglichst viele sie nutzen“, sagt er. Mittlerweile wurde sie 21 Millionen Mal heruntergeladen, 16 Millionen Menschen nutzen sie aktiv.