Auch nach 20 Jahren sind längst nicht alle Europäer von der gemeinsamen Währung überzeugt. imago/ANP

Endlose Warteschlangen an Supermarktkassen, Durcheinander am Bankschalter – vor der Ablösung der D-Mark durch das Euro-Bargeld am 1. Januar 2002 machten Horror-Szenarien die Runde, welche Krisen die neue Währung heraufbeschwören könnte. Letztlich gelang die Währungsumstellung vor 20 Jahren reibungslos. Den Ruf, ein „Teuro“ zu sein, ist die europäische Gemeinschaftswährung allerdings bis heute nicht ganz los.

Als zum Jahreswechsel 2001/2002 der Euro in zwölf EU-Staaten unters Volk gebracht wurde, war die Aufregung groß. Noch als die Böller knallten, bildeten sich Schlangen an Geldautomaten. Fast 15 Milliarden Euro-Banknoten waren zum Start gedruckt, rund 52 Milliarden Euro-Münzen geprägt worden. Aneinandergereiht hätten diese Banknoten zweieinhalbmal zum Mond und zurück gereicht.

Vor der Einführung des Euro waren die sogenannten Starterkits mit erstem Euro-Münzgeld heiß begehrt. dpa/Gero Breloer

„Es ist wahrscheinlich die größte logistische Herausforderung in Friedenszeiten gewesen“, erinnert sich Otmar Issing, damaliger Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB). Doch schon im Jahr 2002 folgte auf Euphorie schnell Ernüchterung: Viele Menschen erlebten den Euro als „Teuro“. Auch wenn Statistiker und Ökonomen widersprachen, wurden Verbraucher beim Einkaufen, in der Kneipe oder beim Friseur das Gefühl nicht los, D-Mark-Preise seien 1:1 in Euro umgerechnet worden. Das Wortspiel wurde so populär, dass „Teuro“ gleich im Jahr der Einführung des Euro-Bargeldes Deutschlands „Wort des Jahres“ wurde.

Zum Jahreswechsel 2001/2002 ging's los: Der Euro ersetzte als Bargeld die D-Mark. dpa/Frank May

„Die Teuro-Geschichte ist eine der größten Legenden im Währungsbereich“, findet Dekabank-Chefvolkswirt Ulrich Kater. „Es handelte sich dabei um sehr fühlbare Preise, weil sie für viele Menschen häufige Leistungen betrafen, die meistens bar bezahlt wurden.“ Tatsächlich sei allerdings das Gegenteil der Fall: „Bislang ist der Euro kein Teuro, sondern ein Stabilo.“

Das sieht auch der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, so: „Der Euro hat sich als außergewöhnlich stabile und starke Währung erwiesen. Die Inflation war mit durchschnittlich jährlich circa 1,5 Prozent seit 1999 geringer als in Zeiten der D-Mark - und dies trotz großer Krisen, wie der globalen Finanzkrise 2008/2009 und der Corona-Pandemie.“

D-Mark-Nostalgie hält sich bis heute

Dennoch: Die D-Mark-Nostalgie hat sich gehalten, noch immer sind Milliarden alter Scheine und Münzen nicht umgetauscht. Issing erklärt die emotionale Bindung vieler Deutscher an die D-Mark mit der Hyperinflation 1923 und der Währungsreform 1948: „Zweimal hat eine Generation alle nominalen Vermögenswerte verloren, das hat sich tief eingegraben im Gedächtnis der Deutschen.“

Und Anti-Euro-Stimmen gibt es durchaus immer wieder. „Der Euro ist gescheitert“, formuliert etwa die AfD in ihrem Wahlprogramm zur Bundestagswahl 2021. Und schon 2018 sagte der Princeton-Ökonom Ashoka Mody der „Wirtschaftswoche“: „Der Euro ist fraglos ein Misserfolg“. Dass Europa eine gemeinsame Währung einführte, ohne eine gemeinsame Wirtschafts- und Finanzpolitik zu haben, gilt als Konstruktionsfehler der Währungsunion.

Kreis der Euro-Länder soll weiter wachsen

Heute ist der Euro für gut 340 Millionen Menschen in 19 EU-Staaten offizielles Zahlungsmittel, und der Kreis soll weiter wachsen. Kroatien will 2023 und Bulgarien 2024 einscheren. Die meisten Europäer sehen heute die Vorteile der Gemeinschaftswährung, wie etwa das Wegfallen der lästigen Umrechnerei auf Reisen und günstigere Preise. Im September 2021 hat die Unterstützung für den Euro im Euroraum mit 79 Prozent (Gesamt-EU: 70 Prozent) sogar den höchsten Stand seit 2004 erreicht, so die EU-Kommission.

Auch DIW-Präsident Fratzscher zieht eine positive Bilanz: „Fakt ist, dass alle Länder in Europa durch den Euro gewonnen haben und dass Europa durch den Euro enger zusammengewachsen ist.“