Bei der Rauschgift-Kriminalität steigt vor allem die Zahl der Koks-Delikte. Foto: Imago Images/Future Image

Berlin. Zum neunten Mal in Folge steigt die Zahl der Rauschgiftdelikte in Deutschland an. Das geht aus dem neusten Lagebericht hervor, den der Präsident des Bundeskriminalamts Holger Münch am Dienstag gemeinsam mit der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Daniela Ludwig (CSU), vorgestellt hat. Die Zunahme von 30.662 auf 359.747 Delikte liegt mit 2,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zwar im niedrigen einstelligen Bereich, doch zwischen den Drogen gibt es erhebliche Unterschiede. Besonders auffällig sind die Delikte im Zusammenhang mit Kokain: diese haben um ganze 12,2 Prozent zugenommen. „Wir stellen fest, dass Kokain keine Elitedroge mehr ist“, konstatierte Münch. Kokain sei mittlerweile überall verfügbar, es komme zu einem großen Teil über den Seeweg nach Deutschland. Im vergangenen Jahr wurden 10 Tonnen davon in Deutschland sichergestellt. Der größte Fund im Hamburger Hafen umfasste 4,5 Tonnen.

Als Handelsplatz für die verschiedenen Rauschgifte hat sich vor allem das Darknet etabliert. Ebenfalls auffällig ist die Herkunft der Tatverdächtigen im Zusammenhang mit Kokainhandel: 57 Prozent sind ausländischer Herkunft. Bei Amphetaminen und Cannabis hingegen wird die überwiegende Mehrheit von deutschen Tatverdächtigen gehandelt. BKA-Chef Münch geht davon aus, dass die hohen Deliktzahlen nicht nur auf mehr Kontrollen zurückzuführen sind, sondern auch auf mehr Konsumenten. Auch in Berlin ist das Kokain-Problem virulent. „Das geht durch alle Bevölkerungsschichten“, berichtet Daniel Kretzschmar, Landesvorsitzender des Bundes deutscher Kriminalbeamter (BDK). Er plädiert dafür, den Konsum von Kokain zu entkriminalisieren. „Der Konsument ist Opfer seiner Sucht. Da gibt es andere Möglichkeiten, als mit dem Strafrecht zu agieren“, sagte er. Vielmehr sollte man bei den Schmugglern und Produzenten ansetzen.

Grafik: BK/Galanty; Quelle: BKA

Eine Strategie, die die Drogenbeauftragte Ludwig nicht goutiert. Sie machte deutlich, dass es ihr nicht um Kleinkriminalität, sondern um die organisierte Kriminalität gehe, deshalb wolle sie beim Konzept von Prävention und Repression „noch eine Schippe drauflegen“. Bisher habe das Konzept geholfen, die Droge Chrystal Meth einzudämmen.

Trotz Corona genügend Kokain auf dem Markt

Wie groß das Problem ist, zeigt die Verfügbarkeit von Kokain während der Coronakrise. „Wir haben keine Knappheit festgestellt“, sagte Münch. Heino Stöver, Professor für Suchtforschung in Frankfurt am Main, beschreibt das Problem drastischer: „Das Angebot an Kokain ist so groß, dass weder eine Pandemie noch emsige Polizeiarbeit als Preisregulativ wirkt.“ Stöver arbeitet mit der Berliner Drogenberatung zusammen. Warum gerade Kokain so populär ist, erklärt er mit dem Image der Droge: „Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Dazu sind leistungssteigernde Drogen gefragt.“ Chrystal Meth beschreibt Stöver als „Kokain für Arme“. Legale Drogen wie Tabak und Alkohol hingegen seien gerade bei jungen Leuten out.

Grafik: BK/Galanty; Quelle: BKA

Dennoch machen dem Lagebericht zufolge Delikte im Zusammenhang mit Cannabis 60 Prozent aller Rauschgiftdelikte aus. „Die Polizei zeigt sich unbeeindruckt von den Legalisierungsdebatten. Das ist ein relativ einfacher Weg, sein Dasein abzusichern“, kommentiert der Suchtexperte die Zahlen. Da Rauschgiftdelikte sogenannte Kontrolldelikte sind, ist die Erfolgsquote hoch.

Politik und Polizei debattieren über Legalisierung

Doch BKA-Chef Münch will sich Legalisierungsdebatten „nicht verschließen“. Aber: Sie werden diese Strukturen durch Legalisierung nicht trockenlegen“, meinte er.

Austrocknen will Wieland Schinnenburg den Schwarzmarkt für Cannabis. Der drogenpolitische Sprecher der FDP-Fraktion fordert weniger Verbotspolitik. „Der Kampf gegen Cannabis durch Prohibition muss somit als gescheitert angesehen werden. Es wäre jetzt an der Zeit, alte Denkschemata aufzubrechen. Wir benötigen eine moderne Drogenpolitik mit der kontrollierten Abgabe von Cannabis an Erwachsene.“ Dadurch würden auch Polizei und Justiz entlastet. Beim Drogenschmuggel aus dem Ausland hingegen fordert er strengere Grenz- und Importkontrollen ein.

Grafik: BK/Galanty; Quelle: BKA

Neue Wege fordert auch der drogenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Dirk Heidenblut. „Die SPD-Bundestagsfraktion hat dazu einen weitreichenden Beschluss gefasst. Dieser sieht auch vor, für Cannabis endlich legale Wege zu schaffen. So wird der Zugang zum Schwarzmarkt wirksam begrenzt und Ermittler können sich auf die wirklichen Verbrecher und Probleme konzentrieren, statt einfache Cannabiskonsument*innen zu verfolgen.“ Außerdem solle es für medizinisch notwendigen Cannabiskonsum bessere Vergaberegeln geben.