Der Antrag auf Privatinsolvenz fällt neuerdings leichter, weil man nach drei Jahren entschuldet ist. Foto: dpa/Alexander Heinl

Erstmals seit zehn Jahren steigt die Zahl der Privatpleiten in Deutschland wieder. Die Wirtschaftsauskunftei Crifbürgel rechnet in diesem Jahr mit bis zu 120.000 Privatinsolvenzen. „Damit würden sich die Zahlen im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdoppeln“, erläuterte Crifbürgel-Geschäftsführer Frank Schlein.

Nach Berechnungen der Wirtschaftsauskunftei gab es allein im ersten Halbjahr mit 57 992 Fällen bereits mehr Pleiten von Privatleuten als im vergangenen Jahr (56 324). Zuvor seien die Zahlen zehn Jahre lang gesunken.

Den starken Anstieg im ersten Halbjahr führte Schlein größtenteils darauf zurück, dass viele Betroffene eine Gesetzesreform abgewartet hätten, die rückwirkend seit dem 1. Oktober 2020 gilt. Danach werden sie nach drei statt wie bisher nach sechs Jahren von ihren restlichen Schulden befreit.  

Nach Einschätzung der Wirtschaftsauskunftei machen sich seit Mai aber auch zunehmend die Folgen der Corona-Pandemie bemerkbar. „Diese Insolvenzwelle wird dann verstärkt ab dem zweiten Halbjahr 2021 einsetzen und bis in das Jahr 2022 hineinreichen“, sagte Schlein.

Finanzielle Reserven sind aufgebraucht

Die finanziellen Reserven vieler Menschen, die in der Krise Einkommenseinbußen zum Beispiel durch Arbeitslosigkeit oder Kurzarbeit erlitten hätten, seien inzwischen aufgebraucht. Auch der Anteil ehemals Selbstständiger, die Privatinsolvenz anmelden, steigt den Angaben zufolge derzeit.

Soloselbstständige und Honorarkräfte aus unterschiedlichsten Branchen hätten in der Pandemie von einem Tag auf den anderen vielfach nahezu ihr komplettes Einkommen verloren. In der Folge gingen die oft ohnehin geringen Einkünfte weiter zurück und das Ersparte war schnell aufgezehrt – Kredite, Ratenzahlungen oder Mieten können nun nicht mehr beglichen werden.

So zeigen laut Crifbürgel aktuelle Zahlen, dass sich die Zahl der Selbstständigen, die für ihren Lebensunterhalt finanzielle Unterstützung aus der staatlichen Grundsicherung beziehen, nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) im Verlauf der Corona-Pandemie versechsfacht hat.

Nach den Zahlen der Auskunftei gehen Frauen vorsichtiger mit Geld um: Knapp 60 Prozent der Privatinsolvenzen wurden von Männern angemeldet, auch wenn der Anteil der Frauen steigt.

Ein Großteil der Personen, die eine Privatinsolvenz anmelden, haben in der Gesamtsumme Schulden unter 10.000 Euro. Die mittlere Schuldenhöhe liegt derzeit bei knapp unter 15.000 Euro. Privatpersonen haben vor allem Schulden bei Kreditinstituten, Versandhändlern, Versicherungen, Behörden, Vermietern, Energieversorgern und Telefongesellschaften.

Steigende Zahlen wurden Crifbürgel zufolge im ersten Halbjahr in allen Bundesländern festgestellt. Am stärksten fiel der Zuwachs in Mecklenburg-Vorpommern und Hamburg mit jeweils von 74,2 Prozent aus. Deutliche Anstiege gab es auch in Nordrhein-Westfalen (plus 67,1 Prozent), Thüringen (62,3 Prozent) und Berlin (plus 60 Prozent).

Bundesweit gab es den Berechnungen zufolge 68 Privatinsolvenzen je 100.000 Einwohner. Diese Statistik führt Bremen mit 135 Fällen je 100 000 Einwohner an. Es folgen Hamburg (97 Fälle je 100 000 Einwohner) und Niedersachsen (94). Berlin verzeichnet 73 Privat-Pleiten auf 100.000 Einwohner und liegt damit über dem Bundesschnitt, Brandenburg mit 65 darunter. Am geringsten waren die Zahlen in Bayern (47), Baden-Württemberg (53) und Hessen (57).