Angela Merkel und Ehemann Joachim Sauer bei den Bayreuther Festspielen 2021 imago/IPA Photo

Im Museum nicht vordrängeln, Opern-Karten selbst bezahlen. Wenn es um ihr Interesse für Kultur geht, will Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) keine Privilegien. Und viele Veranstaltungen genießt sie ohne viel Aufmerksamkeit durch die Öffentlichkeit. Und ihre Vorlieben sind überraschend, wie ihre ungewöhnlichen Musikwünsche für den Großen Zapfenstreich am Donnerstagabend zeigen.

Denn mit denen hat Merkel das Stabsmusikkorps der Bundeswehr offenbar auf dem falschen Fuß erwischt. „Die Wünsche kamen spät und haben mich überrascht“, sagte Dirigent und Oberstleutnant Reinhard Kiauka der taz (Donnerstagausgabe). Die Stücke „Du hast den Farbfilm vergessen“ von Nina Hagen und „Für mich soll’s rote Rosen regnen“ von Hildegard Knef seien im Notenarchiv des Bundeswehr-Orchesters nicht vorhanden.

Song von Nina Hagen musste neu arrangiert werden

Der Titel von Nina Hagen habe erst mal neu für Sinfonisches Blasorchester arrangiert werden müssen, sagte Kiauka. Der Klarinettist Guido Rennert im Musikkorps der Bundeswehr in Siegburg habe binnen kürzester Zeit ein Spezial-Arrangement geschrieben.

Besser seien die Ausgangsbedingungen bei dem Chanson von Hildegard Knef gewesen. „Der Song lag immerhin bei einem Verlag vor, musste aber erst bestellt, gedruckt und geliefert werden, so dass ich das erst ab Montag einstudieren konnte“, sagte Kiauka.

Das dritte von Merkel gewünschte Stück, das Kirchenlied „Großer Gott, wir loben dich“ sei das einzige gewesen, „welches direkt vorlag und wo ich sagen konnte: Jawohl, der Choral ist auch kurzfristig kein Problem. Der musste nur noch mal einstudiert und aufgefrischt werden.“

Kultur war für die Kanzlerin Privatsache

Die größte Überraschung war jedoch eindeutig die Wahl eines Songs der im Westen mit exzentrischem Punk bekannt gewordenen Nina Hagen. Merkel war 20, als Hagens Song „Du hast den Farbfilm vergessen“ 1974 in der DDR zum Hit wurde. Diese überraschende Wahl gehört zu den Dingen, die einen kleinen Einblick erlauben in ein 16 Jahre lang weitgehend abgeschirmtes kulturelles Leben.

Um die Bedeutung von Kultur war bei Merkel immer wieder zu hören. „Zur Liebe zum eigenen Land gehört auch, dass man seine Künstler achtet. Kultur sollte zum Leben wie das Atmen gehören“, sagte sie etwa. An anderer Stelle auch drastischer: „Eine Gesellschaft ohne Kunst und Kultur führt in letzter Konsequenz zu Barbarei und Unmenschlichkeit.“

Merkel hat schon qua Amt viele Ausstellungen eröffnet, Museen und Vorstellungen besucht, Künstlerinnen und Künstler getroffen. Doch jenseits offizieller Pflichten und Termine sucht die Kanzlerin auch immer wieder im privaten Bereich die Nähe zu den schönen Künsten. Am bekanntesten sind wohl die regelmäßigen Besuche in Bayreuth. Merkel und ihr Mann Joachim Sauer gelten als große Anhänger von Richard Wagners Werk und sind seit vielen Jahren Stammgäste am Grünen Hügel.

Regelmäßige Besuche in Bayreuth

„Bayreuth ist exemplarisch“, sagt Annette Schavan. Die frühere Bundesbildungsministerin steht Merkel seit langen Jahren nah. So kann sie beurteilen, wo die Regierungschefin sich seit 16 Jahren Kanzleramt ihre Kraft holt. „Unter Dauerstrom stehen geht nur, wenn es andere Quellen gibt“, sagt Schavan der dpa. „Kultur ist eine dieser Quellen.“

Mit Beiträgen zahlreicher prominenter Wegbegleiter der Kanzlerin hat Schavan das Buch „Die hohe Kunst der Politik – Die Ära Angela Merkel“ zusammengestellt. An mehreren Stellen lässt sich dort nachlesen, dass Kultur „keine Attitüde der Amtsinhaberin“ ist.

Karten bezahlt Kanzlerin Merkel immer selbst

Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank, etwa berichtet, wie Merkel sie kurzfristig während eines Treffens zu einem Konzertbesuch in der Staatsoper Unter den Linden animiert. Wer sowas zahlt? „Sie lässt sich nie einladen zu Opern oder Konzerten, sondern kauft sich ihre Karten selbst. Immer“, schreibt Stardirigent Daniel Barenboim im Schavan-Band.

So habe Merkel eine Vorstellung besucht, die er an der Mailänder Scala dirigiert habe. Der Intendant habe kein Geld verlangen können, weil sie in der königlichen Loge saß. Dort dürften keine Karten verkauft werden. Barenboim: „Sie sagte dann, er solle ihr schreiben, wie viel eine Karte für einen sehr guten Platz in der Scala kostet, und das würde sie dann bezahlen.“

Spontane Besuche im Museum

Von der Museumsinsel bei Merkel ums Eck und aus anderen Häusern gibt es viele Berichte, wonach sie mal eben bei Ausstellungen vorbeischaut. Der Kunsthistoriker Horst Bredekamp berichtet von einem solchen Besuch bei „Gesichter der Renaissance“ im Berliner Bode-Museum. Spontan, ohne große Ankündigung, minimaler Personenschutz.

„Wegen der Fülle der Besucher war der Blick auf einzelne Skulpturen und Gemälde fast undurchdringlich versperrt“, schreibt Bredekamp. „Die verstohlenen Blicke der Besucher ließen den Konflikt erkennen, dass einerseits die Kunst gegenüber allen Menschen gleich sei und deswegen kein Platz freigegeben werden dürfe, andererseits es aber geboten schien, der Kanzlerin die Möglichkeit eines gesonderten Zugangs zu den Werken zu gestatten. Wann immer sich die zweite Variante zeigte, wehrte Angela Merkel entschieden ab: Kein Privileg!“

Merkel ist befreundet mit Wolf Biermann

Nach Schilderung vieler kultureller Wegbegleiter sucht Merkel auch den direkten Kontakt zu Kulturschaffenden. Mit dem deutsch-deutschen Liedermacher Wolf Biermann und dessen Frau Pamela ist das Ehepaar Merkel/Sauer seit langem befreundet. Schauspieler Ulrich Matthes beschreibt im Band, wie Merkel immer wieder mal ins Deutsche Theater kam.

„Sie fragt dann nach inszenatorischen oder spielerischen Details und denkt laut nach über das gerade Gesehene: Wie entstehen Kompromisse in der Politik (nach einer ‚Ödipus‘-Aufführung), wie funktioniert der Druck der öffentlichen Meinung (nach ‚Menschenfeind‘) – alles Assoziieren manchmal eingeleitet durch ein nicht kokettes ‚Kenne mich nicht aus mit Theater, aber...‘.“

Nach den Worten Barenboims hat sich Merkel „immer für Kultur interessiert, ihre gesellschaftliche Bedeutung erkannt und sich praktisch für sie eingesetzt“. Es müssten nicht alle Politiker kulturenthusiastisch sein, sagt der Dirigent der dpa. „Aber man muss erwarten können, dass Politiker die Wichtigkeit der Kultur für die Menschen verstehen, auch wenn sie keinen großen persönlichen Bezug haben.“

Merkels große Vorliebe für den Maler Emil Nolde

Eine große Vorliebe hat Angela Merkel für Expressionismus-Ikone Emil Nolde. Sein „Brecher“ von 1936 hing seit 2006 als Leihgabe der Nationalgalerie bei ihr im Kanzleramt. Die farbkräftige Nordseewelle unter schwerem Gewölk sollte eine besondere Rolle spielen in einer Nolde-Ausstellung mit neuen Erkenntnissen zur tiefen NS-Verstrickung des von den Nazis eben auch als „entarteter Künstler“ diffamierten Malers. Nach einigem Hin und Her zwischen Leihgebern und Kanzleramt ließ Merkel den Nolde nicht wieder zurück in ihr Arbeitszimmer. Die gefeierte Ausstellung nur wenige Kilometer weiter hat die Kunstliebhaberin nie besucht.