Die IG Metall will, dass die 35-Stunden-Woche „auch im Osten baldmöglichst Realität“ wird. Foto: Ralf Hirschberger/dpa

Berlin - Ganz Deutschland feiert am Sonnabend den 30. Geburtstag der Wiedervereinigung. Doch wenn es nach der IG Metall geht, haben zumindest ostdeutsche Arbeitnehmer nicht nur Grund zum Feiern. Sie arbeiten mehr und verdienen weniger als Wessis. Damit müsse Schluss sein - durch Einführung einer 35-Stunden-Woche im Osten und gleiche Löhne wie im Westen.

IG-Metall-Chef Jörg Hofmann bringt es auf den Punkt: „Es darf keine Mauer zwischen der wöchentlichen Arbeitszeit geben, es darf keine Mauer zwischen den Löhnen, den Renten oder den beruflichen und persönlichen Chancen geben.“ Um das Ziel der „sozialen Einheit“ zu erreichen, müsse die „35-Stunden-Woche auch im Osten baldmöglichst Realität werden“, fordert Hofmanns IG-Metall-Vorstandskollege Wolfgang Lemb.

DGB fordert den Staat zum Handeln auf

Das Problem der Ost-West-Ungerechtigkeit sieht auch der DGB. Dessen Chef Reiner Hoffmann beklagte jüngst, „dass Menschen in den neuen Bundesländern deutlich längere Arbeitszeiten haben und deutlich geringere Löhne“. Die Tarifbindung im Osten sei niedriger als im Westen, viele Arbeitgeber dort weigerten sich, einem Arbeitgeberverband beizutreten. Doch Politik und Staat hätten Möglichkeiten, die Angleichung des Ostens an den Westen zu befördern.

„Der Gesetzgeber könnte es zum Beispiel erleichtern, Tarifverträge für allgemein verbindlich zu erklären“, so DGB-Chef Hoffmann. Auch könne er vorschreiben, dass nur noch solche Unternehmen bei der öffentlichen Auftragsvergabe zum Zug kommen, die Tariflöhne zahlen. Denkbar wäre es, einen solchen Bedingungskatalog um klare Arbeitszeitregelungen zu ergänzen - etwa um eine 35-Stunden-Woche, wie sie nun die IG Metall fordert. 

Die Folgen von 40 Jahren Planwirtschaft 

Doch niedrigere Arbeitszeiten und höhere Löhne dürfen die Möglichkeiten der Unternehmen nicht überfordern. Die ostdeutsche Wirtschaft sei dominiert von kleinen Betrieben, heißt es im jüngsten Bericht der Bundesregierung zum Stand der deutschen Einheit. „Was in den neuen Ländern fehlt - und wo sich 40 Jahre Teilung und Planwirtschaft nach wie vor auswirken -, sind strukturstarke Regionen mit einer hohen Produktivität“, so der Bericht.  

Befördern könnte den Aufschwung im Osten der Strukturwandel hin zu Elektromobilität und erneuerbaren Energien, sagt Joachim Ragnitz vom Ifo-Institut. „In der Autoindustrie beobachte ich, dass sich die Autobauer und ihre Zulieferer schneller auf Elektromobilität einstellen als im Westen“, so Ragnitz. Und natürlich gebe die Ansiedlung von Tesla neuen Schwung für die Region östlich von Berlin. Kurzum: Wo die Wirtschaft brummt und die Unternehmen verdienen, schwinden die Argumente gegen familienfreundliche Arbeitszeiten und höhere Löhne.