Der Nachbau eines improvisierten Miniatur-Wasserkraftwerks, der im bosnischen Gorazde als Denkmal an der Drina steht.
Der Nachbau eines improvisierten Miniatur-Wasserkraftwerks, der im bosnischen Gorazde als Denkmal an der Drina steht. Armin Durgut/AP

Die Bewohner der bosnischen Stadt brauchen nicht viel Fantasie, um das Leid der Menschen in der Ukraine zu verstehen. Anfang der 90er Jahre wurde Goražde von umliegenden Hügeln aus mit Raketen und Granaten beschossen. Mehrere Tausend Zivilisten wurden getötet oder schwer verletzt. Trotzdem konnte die Stadt den Angriffen der bosnischen Serben standhalten – auch dank großen Einfallsreichtums, der jetzt der Ukraine nutzen könnte.

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Fast während des gesamten Bosnienkriegs von 1992 bis 1995 war die mehrheitlich von muslimischen Bosniaken bewohnte Stadt Goražde praktisch von der Außenwelt abgeschnitten. Die meisten Bewohner mussten in dieser Zeit ohne Strom und ohne Heizung auskommen. Ähnlich wie heute viele Ukrainer, deren zentrale Versorgungssysteme durch russische Raketen- und Drohnenangriffe zerstört worden sind.

EU-Mitarbeiter kamen auf die Idee, der Ukraine zu helfen

Edin Culov, Gouverneur der Region Goražde, wurde von Freunden und Bekannten, die in der Hauptstadt Sarajevo für die EU-Mission im Land arbeiten, auf die damals gebauten Geräte zur alternativen Stromversorgung angesprochen, um damit der Ukraine zu helfen. Sie hätten gezielt nach „Zeichnungen, Fotos, Videos oder sonst irgendwas“ bezüglich der in Goražde genutzten „Mini-Kraftwerke“ gefragt, sagt er.

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Edin Culov, Gouverneur der Region Gorazde, vor dem Miniatur-Wasserkraftwerk.
Edin Culov, Gouverneur der Region Gorazde, vor dem Miniatur-Wasserkraftwerk. AP/Armin Durgut

Die Eigenkonstruktionen bestanden aus kleinen Schaufelrädern, die auf hölzernen Plattformen mit elektrischen Generatoren befestigt waren. 

Mithilfe von Fässern und Seilen wurden sie im Bereich einer Brücke über den Fluss Drina über Wasser und in Position gehalten. Von jedem „Kraftwerk“ führte ein Hauptkabel zu der Brücke. Von dort wurde der erzeugte Strom über kleinere Kabel in die Stadt geleitet.

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Hilfs-Kraftwerke versorgten das Krankenhaus mit Strom

Abhängig davon, wie viel Wasser der Fluss gerade führte, konnte zumindest das stark beanspruchte Krankenhaus der Stadt versorgt werden. In den Häusern nahe der Brücke reichte es oft, um eine einzelne Lampe oder ein Radio anzuschalten, manchmal auch für einen Fernseher.

Einige örtliche Maschinenbau-Ingenieure und Elektriker hatten zunächst einen Prototypen gebaut. Vor dem Krieg hatten Industriebetriebe in der Stadt vielerlei Dinge hergestellt – von Waffen bis hin zu Textilien. Ihr Entwurf war clever, aber zugleich so einfach gehalten, dass andere das Gerät leicht nachbauen konnten. Die erforderlichen Bauteile fanden die Bewohner in Motoren, Lichtmaschinen, Kondensatoren und Schrottmaterial in zerbombten Fabriken, Fahrzeugen und Wohnhäusern.

Der Fluss Drina versorgte Gorazde während der drei Jahre andauernden Belagerung mit Strom.
Der Fluss Drina versorgte Gorazde während der drei Jahre andauernden Belagerung mit Strom. Armin Durgut/AP

Bald darauf füllte sich der Fluss mit Schaufelrädern. Überlebende der dreijährigen Belagerung sagen heute, dass die improvisierten Geräte zur Stromerzeugung wesentlich dazu beigetragen hätten, den Angriffen standzuhalten. Am Ende war Goražde die einzige Enklave im östlichen Bosnien, die nicht von serbischen Kräften eingenommen wurde. Nach dem Krieg wurden die kleinen „Kraftwerke“ dann aber wieder entfernt und demontiert.

Gouverneur suchte die Erfinder der Hilfskraftwerke

Nun, drei Jahrzehnte später, habe sich die Stadt angesichts der EU-Anfrage bemüht, möglichst viel über die einstigen Konstruktionen in Erfahrung zu bringen, sagt Culov. Er selbst habe die Bewohner im Radio darum gebeten, noch erhaltene Dokumente oder auch Erinnerungen zur Verfügung zu stellen. Die zusammengetragenen Informationen seien an die EU-Mission übergeben worden, die sie dann an die Ukraine weitergereicht habe.

„Ich vermute, dass sie das von uns bereitgestellte Material nutzen werden, um ein paar Testmodelle zu entwickeln. Sollten sich die als brauchbar erweisen, werden sie dann mit der Massenproduktion beginnen“, sagt Culov. So könnten die „Mini-Kraftwerke“ im ganzen Land verteilt werden.

Aziz Lepenica entwarf die Mini-Kraftwerke für die belagerte Stadt Goradze.
Aziz Lepenica entwarf die Mini-Kraftwerke für die belagerte Stadt Goradze. Armin Durgut/AP

Dem Aufruf des Gouverneurs, Informationen zu den einstigen Gerätschaften zu liefern, waren auch zwei der ursprünglichen Entwickler gefolgt. Aziz Lepenica, der bis vor einigen Jahren an einer technischen Schule in der Stadt Ingenieurwesen gelehrt hatte, bot an, gemeinsam mit Studenten Konstruktionszeichnungen und technische Berechnungen für die Ukraine zu erstellen. Während des Bosnienkriegs hätten er und seine Mitstreiter keine Zeichnungen gemacht. „Dafür hatten wir keine Zeit“, sagt er. „Wir haben alle Berechnungen und Konstruktionspläne in unseren Köpfen gemacht.“

Lehrer ließ Studenten die Mini-Kraftwerke nachbauen

In seiner Zeit als Lehrer ließ Lepenica einmal Studenten eine Nachbildung der im Krieg genutzten „Mini-Kraftwerke“ bauen. Diese wurde 2016 am Flussufer in der Nähe der wichtigsten Brücke der Stadt als Mahnmal aufgestellt – um an die Tage zu erinnern, in denen, wie Lepenica es formuliert, „das Leben unerträglich war“, aber die Moral hoch. „Es würde uns viel bedeuten, wenn sich zeigen sollte, dass wir den Menschen helfen können, denen – so wie einst uns – der Zugang zu Elektrizität genommen wird.“

Aus der Erinnerung haben die Bosnier technische Zeichnungen ihrer Hilfsgeneratoren für die Ukrainer angefertigt.
Aus der Erinnerung haben die Bosnier technische Zeichnungen ihrer Hilfsgeneratoren für die Ukrainer angefertigt. Armin Durgut/AP

Murat Heto, ein weiterer ehemaliger Erfinder, half ebenfalls dabei, Informationen für die Ukraine aufzubereiten. „Bei allem, was wir durchgemacht haben, müsste man schon aus Holz sein, um nicht mitzufühlen“, sagt der pensionierte Elektriker. Das mit den schwimmenden Geräten erzeugte Licht habe für die Menschen in Goražde während des Krieges einen enormen Unterschied gemacht.

7000 Menschen starben, aber die Stadt wurde nicht erobert

Etwa 7000 Menschen wurden seinerzeit in der Stadt getötet oder schwer verwundet. Wegen der unerbittlichen Scharfschützen- und Artillerieangriffe gingen viele Bewohner damals nur nachts aus ihren Häusern. Die Einwohnerzahl von Goražde hatte sich durch einen Zustrom von Flüchtlingen aus dem Umland vorübergehend auf etwa 70.000 fast verdoppelt. Nahrung und Medikamente waren knapp, weil die Serben Hilfslieferungen der UN verhinderten.

Umso mehr seien die selbstgebauten Kraftwerke ein „Symbol unserer Entschlossenheit, Widerstand zu leisten, nicht nachzugeben“ gewesen, sagt Heto. „Ich wünschte bei Gott, dass weder uns noch der Ukraine so etwas widerfahren wäre. Aber wenn die Menschen in die Enge getrieben werden und ihnen Vernichtung droht, wird alles möglich.“