Gregor Gysi am Montag vor dem Impfzentrum Tegel. Foto: Benjamin Pritzkuleit

Linke-Politiker Gregor Gysi ist 73 Jahre alt und Risikopatient - und hat am Montag seine erste Corona-Impfung erhalten. Er entschied sich für den Impfstoff des britisch-schwedischen Herstellers Astrazeneca, den viele Impfberechtigte trotz klarer Empfehlung der EU-Arzneimittelagentur derzeit meiden. Wir sprachen mit Gysi über Zweckoptimismus, das Abwägen von Risiken - und über die Aussichten seiner Partei auf eine Regierungsbeteiligung.

Herr Gysi, warum haben Sie sich für eine Impfung mit Astrazeneca entschieden?

Wissen Sie, ich finde Impfungen eine große Errungenschaft. Ich habe auch keinerlei Zweifel, dass der Impfstoff von Astrazeneca gut ist. Er ist geprüft, er ist zugelassen. Ich habe Vertrauen, dass es mir gut gehen wird. Aber ganz ehrlich: Es spielte auch eine Rolle, dass ich in Tegel sehr viel schneller einen Termin bekommen habe als in den anderen Impfzentren. Auf eine Biontech-Impfung hätte ich noch bis Ende Mai warten müssen. Und das wollte ich als Risikopatient nicht.

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Können Sie nachvollziehen, dass Menschen verunsichert sind, ob sie sich mit AstraZeneca impfen lassen sollen?

Ich kann das sehr gut nachvollziehen. Es gibt die jahrelangen Untersuchungen auf mögliche Folgewirkungen nicht, die sonst üblich sind. Es gab die Unklarheiten wegen des Thromboserisikos. Aber ich bin ein Zweckoptimist. Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) hat Astrazeneca nach erneuter Prüfung für alle Erwachsenen freigegeben. Ich habe für mich keinen Grund gesehen, dieser Empfehlung nicht zu folgen.

War es denn voll im Impfzentrum?

Es war ziemlich voll, es gab eine lange Warteschlange – da ich aus der DDR komme, kenne ich das. Ich habe 45 Minuten lang angestanden.

Was können Politiker beitragen, damit die Menschen Vertrauen schöpfen in den Astra-Impfstoff?

Sie können sich selbst mit diesem Impfstoff immunisieren lassen, so wie ich das getan habe. Man darf nicht vergessen: Ich hatte drei Herzinfarkte, einen leichten Gehirnschlag, eine Aneurysmaoperation am Gehirn – und trotzdem nehme ich diesen Impfstoff. Mein Arzt hat gesagt: Ein Risiko bleibt, aber es ist kleiner als das einer Corona-Erkrankung.

Mehrere Ministerpräsidenten haben gefordert, rasch auch Sputnik V freizugeben. Was kann die russische, was kann die deutsche Seite dafür tun?

Ich bin sehr dafür, dass dieser Impfstoff auf den Markt kommt. Ich habe eine Studie gelesen, da steht sogar drin, dass der Wirkungsgrad deutlich höher ist als bei unseren Impfstoffen. Der EU-Innenkommissar hat aber schon geäußert, wir bräuchten Sputnik V nicht. Das ist großer Quatsch. Wir liegen – auch im Vergleich zu anderen Staaten – deutlich hinterher mit unseren Impfungen. Wir müssen Sputnik V freigeben, sobald die EMA über die Zulassung entschieden hat.

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Zur Lage Ihrer Partei: Kürzlich war die Linke in Umfragen dicht an der Fünfprozenthürde, jetzt sieht Emnid sie eher bei 10, und eine grün-rot-rote Koalition scheint möglich. Sollte Ihre Partei nun so kämpfen, als ginge es ums Überleben, oder so, als wäre die Macht zum Greifen nah?

Wir müssen dieses Mal um die Möglichkeit kämpfen, in eine Bundesregierung einzutreten, um bestimmte Dinge endlich durchzusetzen. Gleiche Renten in Ost und West etwa. Ob das gelingt, hängt von vier Voraussetzungen ab.

Welchen?

Wir brauchen eine Mehrheit im Bundestag für eine grün-rot-rote Koalition. Die könnte es laut dieser Umfrage geben, es ist aber auch die erste entsprechende Prognose. Zweitens muss es aus der Bevölkerung Druck geben für einen echten politischen Wandel – hinsichtlich der sozialen Gerechtigkeit, der ökologischen Nachhaltigkeit, auch in der Militär- und Außenpolitik. Diese Stimmung gibt es noch nicht, sie kann aber bis September noch entstehen. Die dritte Voraussetzung ist, dass es in allen drei Parteien eine Mehrheit für eine solche Koalition gibt. Die Linke ist mehrheitlich dafür, weil viele von uns bestimmte Anliegen endlich durchsetzen wollen. Bei der SPD gibt es eine Mehrheit, weil sie an der Seite der Union eingeht. Bei den Grünen ist die Lage unklar, da zieht es manche nach links, viele aber auch zur Union.

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Und die vierte Voraussetzung?

Dass wir uns in Sondierungs- und Koalitionsverhandlungen einig werden. Da sage ich meinen Leuten immer: Wer nicht kompromissfähig ist, ist nicht demokratiefähig. Wer zu viele Kompromisse macht, gibt seine Identität auf. Man darf nicht zwei Schritte in die richtige Richtung gehen und einen in die falsche. Alle Schritte müssen in die Richtung gehen – manche werden aber kürzer, als wir uns das wünschen. Nur ein Beispiel in der Rüstungspolitik: Wir werden keinen Stopp der Waffenexporte erreichen. Aber wenn wir Exporte in Diktaturen und Spannungsgebiete verhinderten, wäre das ein enormer Fortschritt.

Das Gespräch führte Frederik Bombosch.