Nach dem verzweifelten Aufstand im Warschauer Getto 1943 werden Überlebende zu  Zügen getrieben, sie sie in die Gaskammern deutscher Vernichtungslager brachten. Foto: -/AP/BW File/dpa

Warschau  - Holocaust-Forscher rund um die Welt blicken mit Sorge nach Polen. Dort wird am 9. Februar das Urteil in einem Verleumdungsprozess gegen zwei Professoren erwartet, die sich mit der Beteiligung von Polen an der Ermordung von Juden im 2. Weltkrieg befasst haben. Der Ausgang des Verfahrens könnte darüber bestimmen, wie und ob in Polen in Zukunft noch unabhängig über den Holocaust geforscht wird. Die Soziologin Barbara Engelking und der Historiker Jan Grabowski vom Warschauer Zentrum für Holocaust-Forschung sowie historische Einrichtungen sehen in dem Verfahren einen Anschlag auf die freie Forschung.

„Das Vorgehen gegen diese international angesehenen Gelehrten ist nichts anderes als ein Versuch, das Rechtssystem zu nutzen, um die Holocaust-Forschung in Polen mundtot zu machen“, sagt Mark Weitzman vom Simon-Wiesenthal-Zentrum in Los Angeles. Die in Paris ansässige Stiftung für das Gedenken an die Shoa spricht von einer „bösartigen Invasion in das Herzstück der Forschung“, ähnlich äußerte man sich seitens der Yad Vashem-Gedenkstätte in Israel.

Verklagt: Barbara Engelking, Soziologin und Psychologin. Foto: Adrian Grycuk / Wikipedia

Es geht um das Werk „Danach ist nur Nacht. Das Schicksal der Juden in ausgewählten Landkreisen des besetzten Polens“. Darin heißt es unter anderem, dass der Ortsvorsteher des ostpolnischen Dorfs Malinowo geholfen habe, eine Jüdin zu retten. Zugleich wird die Überlebende zitiert, dass er am Tod Dutzender anderer Juden mitschuldig gewesen sei.

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Die Nichte des Mannes sieht darin eine Verleumdung,  verklagte die Autoren. Sie fordert 22.500 Euro Entschädigung und  öffentliche Entschuldigung. Hinter ihr steht die von der Regierung finanziell unterstützte Polnische Liga gegen Diffamierung. Sie argumentiert, die Forscher hätten den Namen eines Helden beschmutzt, der Juden nichts zuleide getan habe. Dadurch seien Würde und Stolz aller Polen verletzt worden.

Verklagt: Jan Grabowski, Historiker und Sohn eines Holocaust-Überlebenden. Foto: Adrian Grycuk / Wikipedia

Die Klage beruht auf einem Gesetz von 2018, das es unter Strafe stellt, Staat oder Volk Polens fälschlich (Mit-)Verantwortung für Verbrechen der Nazis zuzuschreiben. Die nationalkonservative Regierungspartei PiS versucht seit ihrem Antritt 2015, Untersuchungen polnischer Kollaboration während der deutschen Besatzung zu unterbinden, will polnisches Heldentum und Leiden hervorheben.

Nazi-Deutschland hatte Polen 1939 überrannt. Durch Krieg und Hunger, bei Massakern und durch die Massenvernichtung in  deutschen KZ kamen rund 5,6 Millionen Einwohner um, etwa jeder sechste. Mehr als die Hälfte der Opfer waren Juden, die zu 80 Prozent von den Deutschen getötet wurden.

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Im Gegensatz zu anderen Ländern gab es aber keine Regierung, die kollaborierte: Die Vorkriegsregierung floh nach London, Soldaten schlossen sich den Alliierten an, im Untergrund kämpfte die Armia Krajowa. Aber einige Polen halfen den Deutschen, Juden aufzuspüren. Es gab auch blutige antisemitische Pogrome wie 1941 in Jedwabne, mit deutscher Billigung oder Anstiftung. 

Mark  Weitzman nennt das Buch, das „tausende Fälle von Komplizenschaft von Polen beim Mord an Juden während des Holocaust beschreibt“, akribisch recherchiert und mit Quellen belegt. Grabowski und Engelking selbst sagen, sie zeigten genauso viel über polnische Tugenden wie über Negatives: „Der Holocaust ist nicht da, um dem polnischen Ego und der geistig-seelischen Verfassung zu helfen. Er ist ein Drama, das den Tod von sechs Millionen Menschen beinhaltet - was die Nationalisten vergessen zu haben scheinen.“

Vize-Außenminister Pawel Jablonski bezeichnete die Klage als Privatangelegenheit. Es stehe jedem Bürger zu, ein Gericht anzurufen, wenn er sich in seinen Rechten verletzt fühle. Die Regierung habe damit nichts zu tun. Zygmunt Stepinski, Direktor des Warschauer Museums für die Geschichte polnischer Juden, widerspricht, weil die vom Staat unterstützte Liga involviert sei. Das könne als ein Versuch gewertet werden, „Gelehrte davon abzuschrecken, Ergebnisse ihrer Forschung zu veröffentlichen - aus Angst vor einer  Klage und dem folgenden kostspieligen Prozess.“