Seit Wochen harren die Menschen in Mariupol in Kellern aus, um sich vor den Bombardements zu schützen. imago/SNA

Sie fliegt mit bis zu zehnfacher Schallgeschwindigkeit, ist unaufhaltbar und hat eine Reichweite von bis zu 2000 Kilometern. Die neue Hyperschallrakete „Kinschal“ (Deutsch: Dolch) gehört zu den gefährlichsten neuartigen Nuklearwaffen von Kremlchef Wladimir Putin. 2018 wurde sie erstmals erfolgreich getestet. Und nach Angaben des Militärs setzt Russland sie jetzt zum ersten Mal überhaupt ein – im Ukraine-Krieg.

Mit Raketen des Typs Kinschal sei ein ukrainisches Armee-Lager für Treib- und Schmierstoffe in der Region Mykolajiw zerstört worden, meldete Moskau gestern. Das neuartige Waffensystem war laut Moskau am Freitag erstmals zum Einsatz gekommen. Da war angeblich ein unterirdisches Munitionsdepot der ukrainischen Luftwaffe in Deljatyn zerstört worden.

Hyperschallrakete trifft Ziele in 2000 Kilometern Entfernung

Die Kinschal-Raketen gehören zu einem Arsenal von Hyperschallraketen, die Russland als erstes Land der Welt entwickelt hat. Sie können Ziele in bis zu 2000 Kilometer Entfernung treffen – unter Umgehung aller Luftabwehrsysteme. Hyperschallraketen übertreffen die Schallgeschwindigkeit um ein Mehrfaches und fliegen mit mehr als 6000 Kilometern pro Stunde.

Test einer Hyperschallrakete in Nordkorea: Russland will die neuartigen, unaufhaltbaren Raketen im Ukraine-Krieg eingesetzt haben. dpa/KCNA

Dabei bewegen sie sich auf einer unvorhersehbaren Flugbahn, sodass ihr Ziel erst im allerletzten Moment bekannt wird. Ebenso unklar ist bis zum Einschlag, ob sie mit konventionellen Waffen oder nuklearen Sprengköpfen bestückt sind.

Mariupol: Hunderte Verschüttete nach Angriff auf Kunstschule

Ob Moskau tatsächlich Hyperschallraketen eingesetzt hat, ließ sich bisher nicht überprüfen. Wäre dem so, ließe sich nur erahnen, welche verheerenden Angriffe den ukrainischen Städten noch bevorstehen.

Besonders die südukrainische Hafenstadt Mariupol bleibt im Zentrum der Kämpfe. Nach Angaben des Stadtrats wurde auch eine Kunstschule bombardiert, in der 400 Menschen Schutz suchten, darunter Frauen, Kinder und Ältere. Erst vor wenigen Tagen war in der Stadt auch ein Theater angegriffen worden, in dem Menschen Schutz vor Luftangriffen gesucht hatten. Es wurden zwar Verschüttete gerettet. Seit Tagen ist aber unklar, wie viele Tote und Verletzte es bei diesem Vorfall gab.

Doch der Stadtrat von Mariupol meldet noch weitere Gräueltaten gegen Zivilisten, die in Schutzräumen ausharren: In der vergangenen Woche hätten russischen Streitkräfte mehrere Tausend Menschen gewaltsam aus der belagerten Stadt deportiert. „Die Besatzer haben illegal Menschen aus dem Stadtteil Livoberezhniy und aus dem Schutzraum des Sportklubs verschleppt, wo sich mehr als Tausend Menschen, hauptsächlich Frauen und Kinder, vor den ständigen Bombardierungen versteckt hatten“, teilte der Stadtrat mit.

Einwohner von Mariupol drängen sich an einer Ausgabestelle für Trinkwasser. Die humanitäre Lage in der Stadt ist katastrophal. imago/SNA

Um ihre Landsleute vor den russischen Angreifern zu schützen, bat die Frau des ukrainischen Staatschefs Wolodymyr Selenskyj die Kirchen in einem Brief um Unterstützung bei der Einrichtung humanitärer Korridore in der Ukraine. „Wir bitten Sie, der Ukraine und den Ukrainern, die derzeit vor dem Krieg fliehen, zu helfen“, schrieb Olena Selenska an den Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK).