Das Kernkraftwerk Gundremmingen ist einer der drei Meiler, die am 31. Dezember abgeschaltet werden. Imago

Ihre Tage sind gezählt: Die Atomkraftwerke in Brokdorf (Schleswig-Hollstein), Gundremmingen (Bayern) und Grohnde (Niedersachsen) werden am 31. Dezember abgeschaltet. Übrig bleiben dann nur noch drei – bis Ende 2022 sollen auch dort für immer die Lichter ausgehen. Doch hat dann Deutschland noch genug Power, um mit alternativen Energien genug Strom zu erzeugen?

Im Meiler Gundremmingen laufen schon die Vorbereitungen, um den letzten Block abzuschalten. Am Silvestertag werde wohl innerhalb von zwölf Stunden System um System im Kernkraftwerk heruntergefahren. Laut RWE dauert es bis Mitte der 2030er-Jahre, bis alle Gebäude entkernt und die kontaminierten Teile wegtransportiert sind. Dann stehen noch die Gebäudehüllen und die weithin sichtbaren Kühltürme. Es werde noch überlegt, ob man sie abträgt oder sprengt. Insgesamt müssen 89.000 Tonnen Material entsorgt werden.

„Der Atomausstieg ist unumkehrbar“, sagt die neue Umweltministerin Steffi Lemke (Grüne). „Planmäßig“ schreite er voran. „Und das ist auch gut so.“

Jan Philipp Albrecht (Grüne) Energieminister von Schleswig-Holstein, lässt sich von Preussen-Elektra-Chef Guido Knott erklären, wie das Atomkraftwerk Brokdorf abgeschaltet wird. dpa

Das meint nicht jeder. Konzernchefs, wie  der Ex-Vorstandschef des Chemiekonzerns BASF, Jürgen Hambrecht, fordern die Politik dazu auf, die Laufzeiten der bestehenden Kraftwerke zu verlängern. Die Kritiker befürchten Lücken bei der Stromversorgung. Denn Deutschland wolle nun auch noch vor 2038 aus der Kohleverstromung aussteigen. Das Ende der Kernenergie im kommenden Jahr hatte die damalige Bundesregierung 2011 nach dem Atomunglück im japanischen Fukushima besiegelt.

Zu den Befürwortern einer Abkehr von dieser historischen Entscheidung gehört auch die AfD. Der AfD-Bundestagsabgeordnete Steffen Kortré warf der Bundesregierung die „weltdümmste Energiepolitik“ vor. Es drohe „die Abschaltung ganzer Städte“.

Experten vom  Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung widersprechen. Sie gehen in einer jüngsten Analyse davon aus, dass es auch nach dem Atomausstieg „ausreichende Kapazitäten“ geben werde, um die Energieversorgung in Deutschland zu sichern, wenn das deutsche Stromsystem „rasch auf erneuerbare Energieträger in Verbindung mit Speichern und Flexibilitätsoptionen“ umsteige.

Die Grafik zeigt, welche Atomkraftwerke schon vom Netz sind und welche noch abgeschaltet werden. dpa

Ein weiteres Argument der Abschalt-Gegner: Die Kernenergie sei eine Energiequelle, die im Vergleich zu Kohle und Gas kaum CO2-Emissionen ausstoße. Atomkraft als probates Mittel im Kampf gegen den Klimawandel?

Auf EU-Ebene wird über diese Frage gestritten. Die EU-Kommission berät derzeit darüber, ob Atomenergie künftig als „nachhaltige“ Investition eingestuft werden kann, sie also eine Art grünes Label bekommen soll. Laut internationaler Atomenergiebehörde (IAEA) verursacht Kernenergie 40-mal weniger Treibhausgasemissionen als ein effizientes Gaskraftwerk.

Atom-Kritiker warnen vor falschen Versprechungen. „Atomenergie ist natürlich nicht CO2-frei“, sagt der Präsident des Bundesamts für die Sicherheit nuklearer Entsorgung (BASE), Wolfram König. Schon die Gewinnung von Uran sorge für „erhebliche Umweltprobleme“ Auch der Bau der Kernkraftwerke sei nicht CO2-frei.

Das Kraftwerk Grohnde in Niedersachsen wird ebenfalls abgeschaltet. dpa

Die Debatten über mögliche Laufzeitverlängerungen nennt König „obsolet, weil es weder politische, technische noch rechtliche Grundlagen gibt, die abgeschalteten Reaktoren wieder in Betrieb zu nehmen“. Die Präsidentin des Bundesamts für Strahlenschutz, Inge Paulini, warnt: „Die Risiken der Kernkraft sind nicht beherrschbar. Das haben die Unglücksfälle von Tschernobyl und Fukushima gezeigt“, sagt sie.

Wenn Ende 2022 im letzten deutschen AKW die Lichter ausgehen, strahlt der über Jahrzehnte angehäufte Atommüll in großen Mengen weiter. Fachleute erwarten bis 2080 rund 10.500 Tonnen hoch radioaktiver Abfälle aus Brennelementen. Sie sollen irgendwann in einem Endlager ruhen, das offiziell bis 2031 gefunden sein soll.

Selbst danach blieben noch etliche Fragen offen, etwa zum Weiterbetrieb von Zwischenlagern, zu Sicherheitsfragen und mehr. Klar ist: Der Atomausstieg hat zwar ein Enddatum – bleibt aber eine gesellschaftliche Daueraufgabe.