Man kann „genervt“ sein, wenn das eigene Haus brennt. Löschen sollte man besser trotzdem. Foto: Imago/Christian Ohde

Deutschland ist genervt. Deutschland ist müde. Damit wird zurzeit so ziemlich jede Haltung gegen den Lockdown begründet – und sei sie noch so unsinnig. Genervt und müde macht uns in dieser Logik  nämlich nicht etwa das Coronavirus  selbst, sondern die Maßnahmen, die uns vor ihm schützen.

Sind wir wirklich zu einem Volk der Jammerlappen geworden, ein Volk von Egoisten, das selbst bei einer tödlichen Gefahr nicht länger in der Lage ist, die eigenen Interessen zurückzustellen?

Man kann (und muss) streiten über den richtigen Weg aus der Pandemie. Das trotzige „Ich will jetzt, dass alles vorbei ist“ hat aber was von Kindergarten. Natürlich können wir „genervt“ sein, wenn das eigene Haus brennt. Löschen sollten wir besser trotzdem.

Von der „Light“-Lösung in die „Kompromiss-Regeln“

Richtig ist ohne Frage: Es fehlt in der Corona-Politik seit Monaten an Klarheit und Konsequenz. Im Gegensatz zu den Menschen in England, Italien oder Frankreich hat Deutschland nie einen echten Lockdown erlebt. Föderalismus und Super-Wahljahr lassen uns von einer „Light“-Lösung in die nächsten „Kompromiss-Regeln“ stolpern.

Das Chaos um die „Osterruhe“, die als Notlösung geboren und jetzt wegen rechtlicher Bedenken ganz schnell wieder beerdigt wurde, ist nur das jüngste Beispiel aus einer langen Reihe halbgarer Maßnahmen.  

Immer schön Rücksicht nehmen auf die Klientel. Mit schnellem und konsequentem Vorgehen hätten wir uns viel ersparen können. Das gilt bis heute.

Denn was hilft wirklich gegen die Pandemie? Impfen. Kontakte reduzieren. Testen. Reihenweise haben uns die Wissenschaftler vorgerechnet, wie gefährlich die britische Corona-Mutante wird. Es braucht deshalb ganz sicher alle drei Waffen, um die letzte Schlacht gegen das Virus zu gewinnen.

Flieger nach Malle starten wieder?

Ohne Einsehen, ohne Mitmachen, ohne Verzicht wird es nicht gehen. Was tun wir stattdessen? Die Flieger nach Malle starten wieder? Prima, nichts wie los. Mir doch egal.

„Das gehört verboten“, brüllen da sofort die Kritiker. Verständlich, wie aber soll das gehen? So lange die Inzidenz auf den Balearen niedrig ist, würde jedes Gericht eine entsprechende Verordnung sofort kassieren. Es ist halt nicht so einfach mit dem „Politiker müssen das sofort verbieten“. Es geht nicht immer um Gesetze, die helfen, manchmal braucht es einfach Vernunft und Eigenverantwortung.

„Wir müssen testen, testen, testen. Wie in Tübingen, da geht das doch auch“, hören wir ebenfalls  ständig. Es stimmt, dass die Neckarstadt neben Rostock DAS deutsche Positiv-Vorbild im Kampf gegen Corona geworden ist. Vergessen wird dabei gerne, dass die Menschen dort in überwältigender Zahl mitgemacht haben, statt die Maßnahmen zu beklagen. Die Realität andernorts sieht teilweise aber so aus: Bis zu 40 Prozent der Eltern verweigern die Zusage, dass ihre Kinder auf Corona getestet werden. Versuch gescheitert?

Schaffen müssen wir es trotzdem

Zudem lassen sich die regionalen Ideen einer kleinen Stadt nicht immer so einfach auf das ganze Land übertragen. Wenn wir beispielweise alle Schulkinder, Lehrerinnen und Lehrer in ganz Deutschland zwei Mal pro Woche testen wollen, müssen dafür knapp 100 Millionen Tests pro Monat eingekauft und an die Schulen ausgeliefert werden. Das geht nicht im Handstreich. Schaffen müssen wir es trotzdem.

Wir erwarten von der Politik oft nicht weniger als maximalen Schutz bei minimalen Verpflichtungen. Dass Deutschland „genervt und müde“ ist, stimmt wohl. Aber das verdanken wir nicht zuletzt dem populistischen Krakelen einiger Boulevard-Medien, dem Gemecker und Genörgel, dem ewigen Lindner-Blues, den Besserwissern, Alleingängern und Wahlergebnis-Schielern.

Wer wie Teile der Medien und der politischen Opposition nichts als Öffnen und Lockern fordert und dabei keine Alternativen anbietet, muss auch bereit sein, die Verantwortung zu übernehmen für das Risiko Tausender Tote, die uns seriöse Wissenschaftler für diesen Fall prophezeien.

Schnell und konsequent reagieren

Das Virus macht keine Kompromisse. Deshalb können wir uns auch keine leisten.

Ob Einzelhandel, Kultur, Gastronomie, Sport, Schulen… nicht müde werden Interessenvertreter uns zu erklären, dass genau ihr Bereich kein Pandemietreiber sei. Fakt ist: Bei mehr als der Hälfte aller Infektionen wissen wir nicht, wo sie entstanden ist. Fakt ist auch: Wenn wir alles offen lassen, steigen die Zahlen rasant.

Schnelles und konsequentes Reagieren hätte uns in dieser Pandemie schon einiges ersparen können. Jetzt gab es wieder die Chance. Statt über einen einzelnen Ruhetag zu debattieren, könnten wir sofort in einen wirksamen Lockdown gehen. Dann reichen zwei, bis drei Wochen. Das wäre auch die beste Lösung für die Wirtschaft. Sagen Experten. Aber auf die mögen die „Genervten“ im Land ja schon lange nicht mehr hören.

Sehenden Auges in die Katastrophe?

Das ewige Warnen habe sich abgenutzt, schreibt der Spiegel. Laufen wir also stattdessen lieber sehenden Auges in die Katastrophe?

Wir werden unser Leben nicht zurückbekommen, wenn wir uns benehmen wie 80 Millionen kranke Kleinkinder, die schmollen, weil ihnen die Medizin von Mutti nicht schmeckt.

Deutschland, deine Befindlichkeitsdebatten sind peinlich. Es geht um Fakten. Es geht um Leben.

Der Stand am 24. März 2021: 75.212 Corona-Tote in Deutschland. Die 7-Tage-Inzidenz steigt auf 108,1. Die Kliniken rüsten sich für den Ausnahmezustand.