Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie der Charite Foto: Michael Kappeler/dpa-pool/dpa

Die Corona-Krise wirbelt das Leben aller durcheinander. In einem ganz besonderen Maße aber trifft es eine Gruppe, die bisher im Schatten der großen Öffentlichkeit gestanden hat: die der hoch spezialisierten Wissenschaftler. Zu ihnen gehören Virologen wie Christian Drosten von der Berliner Charité, Alexander Kekulé von der Universität Halle-Wittenberg oder Hendrik Streeck von der Universität Bonn. Sie stehen mit Aussagen in Radio-Podcasts, Videos, Interviews und Porträts plötzlich in einer großen Medien-Öffentlichkeit, sollen Fragen zum Alltag beantworten und der Politik Empfehlungen geben. Die Berichte über sie haben inzwischen eine große Eigendynamik angenommen. Forscher sehen sich falsch dargestellt und für Dinge verantwortlich gemacht, mit denen sie ihrer Menung nach nichts zu tun haben. Das reicht tief in die sozialen Netzwerke.

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"Ich habe gestern beispielsweise eine E-Mal bekommen, in der ich persönlich verantwortlich gemacht wurde für den Selbstmord des hessischen Finanzministers", sagte der Virologe Christian Drosten in seinem vom Montag. "Wenn solche Dinge passieren, dann ist das für mich schon ein Signal dafür, nicht, dass wir nah an der Grenze sind, sondern, dass wir über eine Grenze von Vernunft schon lange hinaus sind in dieser mediengeführten öffentlichen Debatte. Und ich habe damit langsam wirklich ein Problem", sagte Drosten. Man sei langsam an einem Punkt, "wo dann demnächst auch die Wissenschaft in geordneter Weise den Rückzug antreten muss, wenn das nicht aufhört".

Superman oder Buhmann

Tatsächlich kann man seit einigen Wochen beobachten, dass Drostens Person mit Projektionen überfrachtet wird. Man stellt ihn als den großen Krisenmanager dar, sogar als eine Art Superman und künftigen Bundeskanzler. Andere sehen ihn als Buhmann, als als politischen Einflüsterer, der Restriktionen durchsetzen will. Das geht bis zu Verschwörungstheorien. "Es gibt Zeitungen, die malen inzwischen nicht nur in den Wörtern, sondern in Bildern Karikaturen von Virologen", sagte er. "Ich sehe mich selber als Comicfigur gezeichnet und mir wird schlecht dabei." Er sei wütend darüber, wie hier Personen für ein Bild missbraucht würden, das Medien zeichnen wollten, um zu kontrastieren. "Das muss wirklich aufhören."

Drosten sieht es als dringend notwendig an, die Stellung der Wissenschaft in dieser Krise klarzustellen. Die Wissenschaft trifft laut Drosten keine politischen Entscheidungen, auch wenn sie Empfehlungen geben kann. Wer Drostens Podcast verfolgt, der hört, dass sich der Virologe dabei zunehmend zurückhält. Er verfolgt neueste Studien und anhand dieser äußert er seine wissenschaftliche Meinung. Dabei kann er sich auch korrigieren, was ihn von manchen unterscheidet, die zurzeit ebenfalls in der Öffentlichkeit auftreten.

Zum Beispiel hatte ihm eine Wissenschaftskollegin aus den USA eine Studie zugesandt, anhand derer man erkennen konnte, welche Folgen bestimmte Maßnahmen in der Zeit der verheerenden Spanischen Grippe von 1918 hatten. Und man sah, dass es sich durchaus auf die Sterblichkeit auswirkte, ob amerikanische Städte damals ihre Schulen schlossen und Veranstaltungen absagten oder nicht. Darauf sagte Drosten am 12. März: "Die Konsequenz des Papers ist: Es nützt extrem viel, zwei oder mehr Maßnahmen zu kombinieren. Veranstaltungsstopp und Schulschließungen in Kombination sind extrem effizient - vor allem, wenn man das mehr als vier Wochen durchhält. Und dann je früher, desto besser." Drosten führte auch die wissenschaftlichen Argumente dafür an. Am Tage zuvor hatte er noch ausgedrückt, dass Schulschließungen nicht viel brächten. Er gab zu, er habe da "zu kurz gedacht".

Ein Fachmann für epidemische Coronaviren

Inzwischen hält sich Drosten sehr zurück mit Schlussfolgerungen. Er betont, dass er sich sehr ungern in "Spekulationsbereiche" begibt, zu denen unter anderem auch gehört, wie lange bestimmte Maßnahmen noch aufrechterhalten werden müssen. Dazu sagte er nur: "Wir müssen weiter geduldig sein." Er vermeide es, "noch irgendwelche Interviews zu geben oder im Fernsehen mich zu zeigen", sagte er.
Dennoch will er sich nicht ganz zurückziehen, will weiter über die Entwicklung der Forschung sprechen. Er mache dies "weil ich mich genau in diesem engen Forschungsfeld seit so langer Zeit schon bewege, dass ich weiß, dass ich frei und weitgehend ohne Fehler über das weitere Themenumfeld dieses Problems sprechen kann".

Drostens Spezialthema sind die "epidemischen Coronaviren". An diesen forscht er mit seinem Team seit vielen Jahren. Und das ist seine eigentliche Aufgabe, nicht das Agieren als möglicher Krisenmanager. Bereits kurz, nachdem der Ausbruch einer neuartigen Erkrankung im chinesischen Wuhan bekanntgeworden war, machte sich Drostens Team daran, einen geeigneten Virus-Nacheis für das "neue Sars-ähnliche Virus" zu entwickeln, um Verdachtsfälle zweifelsfrei aufzuklären, wie die Berliner Zeitung bereits am 20. Januar berichtete. Drosten hatte bereits als junger Wissenschaftler am Hamburger Tropeninsitut als Erster einen zuverlässigen Test auf das Sars-Virus entwickelt, das 2002/2003 für eine Pandemie geringeren Ausmaßes sorgte. Damals erkrankten weltweit rund 8000 Menschen, 774 starben.

Entscheidungen soll die Politik treffen

Drostens Team an der Charité befasst sich unter anderem mit dem Erbmaterial des Virus. Es sequenziert Proben, die aus allen Landesteilen ins Labor gesandt werden. Damit soll zum Beispiel untersucht werden, welche Wege das Virus auf seiner pandemischen Reise nimmt und wie es sich dabei verändert. In seinem Podcast konzentriert sich Drosten vor allem auf neue Studien zu möglichen Medikamenten, Antikörpertests und Impfungen, auf die notwendige Veetzung der Forschungsbereiche, um Grundlagen zu schaffen für die medizinische Bekämpfung der Krankheit Covid-19.

Die Wissenschaft habe "kein demokratisches Mandat" wie ein Politiker, sagte Drosten. Sie treffe keine politischen Entscheidungen. Und aus tiefster Überzeugung machte er klar: "Kein Wissenschaftler will überhaupt so Dinge sagen wie: Diese politische Entscheidung, die war richtig. Oder diese politische Entscheidung, die war falsch. Oder diese politische Entscheidung, die muss jetzt als Nächstes getroffen werden. Sie hören das von keinem seriösen Wissenschaftler."

Die Entscheidungen selbst seien in der Politik zu treffen, sagte Drosten, und zwar anhand einer Gesamtschau verschiedener Wissenschaftsdisziplinen, die im Moment extrem gut miteinander umgingen. Die Wissenschaft generiere nur Daten und könne auch sagen, wie sicher diese Daten seien und wo die Sicherheit aufhöre - "mehr aber auch nicht".