Polizisten und Demonstranten mit erhobenen Händen stehen sich bei der Demonstration von Klimaaktivisten am Rande des Braunkohletagebaus bei Lützerath gegenüber, im Hintergrund ein Kohlebagger.
Polizisten und Demonstranten mit erhobenen Händen stehen sich bei der Demonstration von Klimaaktivisten am Rande des Braunkohletagebaus bei Lützerath gegenüber, im Hintergrund ein Kohlebagger. dpa/Oliver Berg

Die Großdemo gegen den Abriss und die Abbaggerung des geräumten Dorfes Lützerath in NRW ist am Samstag massiv eskaliert: Demonstranten sind am Samstag teilweise gewalttätig gegen Sicherheitskräfte vorgegangen. Mehrere Reporter vor Ort berichteten von gezündeten Bengalos und Raketen, die gegen Polizisten abgefeuert wurden. Polizisten wiederum waren am Samstagnachmittag auf einen gewaltsamen Einsatz vorbereitet, standen mit Schlagstöcken vor den Protestanten. Ein Wasserwerfer steht bereit. Doch mehrere Teilnehmer ließen sich auch davon nicht abschrecken und drängten auf das zuvor weitestgehend geräumte Tagebau-Gelände am verlassenen Dorf Lützerath. Es gibt Berichte über mehrere Verletzte.

Lützerath: Demo-Teilnehmer drängen durch Polizei-Absperrungen in den Tagebau

Rund 10.000 Menschen demonstrierten am Samstag für den Erhalt von Lützerath, überwiegend friedlich. Doch einigen der Teilnehmern war es mehr an einer Machtprobe mit der Polizei gelegen. Die war auf Zusammenstöße mit gewalttätigen Protest-Teilnehmern vorbereitet, dennoch gelang es mehreren Demonstranten, an den Polizeiketten vorbei in den Tagebau vorzudringen.

Vom Nachbardorf Keyenberg zogen tausende Demo-Teilnehmer in Höhe der Ortslage, die seit Mittwoch wegen der anstehenden Abbaggerung von der Polizei geräumt wird. Nachdem die Versammlung zunächst weitgehend friedlich verlief, wurde nach Angaben eines Polizeisprechers am Nachmittag Pyrotechnik auf Beamte gefeuert. Zugleich gelang es einigen Teilnehmern, die Polizeiketten zu durchbrechen und in den Tagebau vorzudringen. Laut einem Sprecher befanden sich die Aktivisten zunächst „im oberen Kranz“ des Tagebaus.

Zu den Teilnehmerzahlen gab es unterschiedliche Aussagen. Während die Veranstalter wie Campact und BUND von 35.000 Teilnehmern sprachen, schätzte die Polizei die Zahl auf etwa 10.000. Eine Sprecherin auf der Kundgebungsbühne warnte Demonstranten vor einem Wasserrohrbruch an der Tagebaukante und warnte dorthin vorzudringen: Es bestehe Einsturzgefahr! Ein anderer Sprecher ignorierte die Warnung und rief dazu auf, geradewegs dorthin zu marschieren! Wörtlich sagte dieser laut Berichten: „Lasst euch von der Polizei nicht aufhalten. Wir sind mächtig.“

BUND-Sprecher: Abbaggerung der Kohle unter Lützerath nicht zu rechtfertigen

Mehrere Rednerinnen und Redner forderten auf der Kundgebung einen Stopp der Räumung des Weilers Lützerath und verlangten von der Politik eine entschiedenere Klimapolitik, um die auf dem Pariser Klimagipfel vereinbarte Grenze einer Erderwärmung von 1,5 Grad Celsius zu erreichen. Der Vorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Olaf Bandt, erklärte, dass die drohende Abbaggerung der Kohle unter Lützerath „fachlich-wissenschaftlich nicht zu rechtfertigen“ sei.

„Die Abbaggerung von Lützerath wird nicht nur den Konflikt um die Kohle im rheinischen Revier weiter anheizen, sondern auch die Klimakrise befeuern“, erklärte Bandt. Das Vorziehen des Kohleausstiegs im Rheinland auf das Jahr 2030 klinge zwar gut, „aber der damit verbundene Kohleausstiegspfad hält nicht, was er verspricht: Der Beschluss spart fast kein Kohlendioxid ein und lässt nahezu alle Kraftwerke bis 2030 durchlaufen.“

Lütherath-Anwohner spricht von massivem Druck der NRW-Landesregierung auf Landwirte

Der Anwohner David Dresen aus Kuckum, einem der fünf von der Abbaggerung verschonten Dörfer, warf dem Energiekonzern RWE und der schwarz-grün geführten NRW-Landesregierung vor, massiven Druck auf die Landwirte auszuüben, die noch Ackerland oder Wiesen rund 200 Meter hinter Lützerath besitzen, ihr Land zu verkaufen.

Zuvor hatte sich der Aachener Polizeipräsident Dirk Weinspach zufrieden mit dem bisherigen Verlauf der Räumung des Weilers Lützerath gezeigt. Gewalttätige Angriffe auf Polizisten seien weitgehend ausgeblieben. „Im Großen und Ganzen war es friedlich“, sagte er dem Fernsehsender Phoenix zum Auftakt der Demonstration. Die „einsatztaktische Konzept“ sei aufgegangen.

Am Samstag hatte die Polizei die Räumung des inzwischen von Sicherheitszäunen umgebenen Weilers Lützerath fortgesetzt, unter anderem wurden einzelne Aktivisten aus Bäumen geholt. Der Konzern RWE ließ weiter Gebäude abreißen und Bäume roden. Zu den beiden Aktivisten in einem Tunnel habe es mehrere, aber erfolglose Gesprächsversuche gegeben, sagte Weinspach. Feuerwehr und THW seien nun für den weiteren Kontakt zuständig.