Die Zeit der Geisterspiele kehrt zurück: Das Stadion vom FC Erzgebirge Aue beim Spiel gegen den SV Darmstadt 98 am Sonnabend.
Die Zeit der Geisterspiele kehrt zurück: Das Stadion vom FC Erzgebirge Aue beim Spiel gegen den SV Darmstadt 98 am Sonnabend. www.imago-images.de

Das Tabu steht im Raum, doch bislang wollte es kaum jemand aussprechen: Lockdown. Wie ein Mantra haben Politiker das Mantra wiederholt, einen generellen Lockdown, so etwas werde es nicht geben, wohl aber Kontaktbeschränkungen für Ungeimpfte. Nun spricht sich Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) genau dafür aus, einen Lockdown für alle. Der Berliner Morgenpost zufolge sagte sie, sie halte einen Lockdown erforderlich und spreche sich dafür aus, die Bundesnotbremse einzusetzen. Menschen in Berlin seien aufgefordert, Großveranstaltungen vor allem in Innenräumen zu meiden, um das Infektionsrisiko zu minimieren. 

In Berlin trat ihren Angaben zufolge bislang kein Fall der neuen gefährlichen Virus-Variante Omikron auf. Die Labore sind nach Angaben der Gesundheitssenatorin darauf vorbereitet und können das mutierte Virus sequenzieren und erkennen.

Nonnemacher: Bund muss bei Infektionsschutzgesetz nachsteuern

Brandenburgs Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher (Grüne) hat den Bund dazu aufgefordert, das Infektionsschutzgesetz nachzuschärfen. Mit Blick auf die dramatisch steigenden Corona-Infektionszahlen sagte sie nach Angaben des Gesundheitsministeriums am Samstag bei einer Impfaktion in Brandenburg an der Havel, es müsse ganz dringend gegengesteuert werden. In zwei Wochen werde Brandenburg mit den Kapazitäten in den Krankenhäusern am Ende sein.

Die Landesregierung habe mit ihrer jüngsten Verordnung die Elemente des alten Infektionsschutzgesetzes ausgeschöpft, etwa mit verschärften Regeln für Hot-Spots, Kontaktbeschränkungen und Ausgangssperren für Ungeimpfte. Das sei aber nur noch bis zum 15. Dezember möglich, das neue Infektionsschutzgesetz biete diese Maßnahmen dann nicht mehr. Jetzt sei aber eine massive Einschränkung von Kontakten nötig, so die Ministerin.

Wissenschaftsakademie Leopoldina für Kontaktbeschränkungen ab Montag

Eile halten die die Fachleute der Nationalen Wissenschaftsakademie Leopoldina für angebracht: Sie sprechen sich angesichts der sich weiter verschärfenden Pandemielage für Kontaktbeschränkungen von Beginn der kommenden Woche aus. Die rasante Ausbreitung der Corona-Ansteckungen mache „ein sofortiges Gegensteuern dringend erforderlich“, heißt es in einer am Samstag von der Leopoldina vorgelegten Stellungnahme. Die Zeit der Kontaktbeschränkungen müsse „für eine massive Erstimpfungskampagne und Auffrischungsimpfungen genutzt“ werden. Zudem plädiert die Akademie für die Einführung einer stufenweisen Impfpflicht.

„Unmittelbar wirksam ist es aus medizinischer und epidemiologischer Sicht, die Kontakte von Beginn der kommenden Woche an für wenige Wochen deutlich zu reduzieren“, heißt es in der Vorlage. Diese Maßnahmen müssten „vorübergehend auch für Geimpfte und Genesene gelten, die in dieser Zeit eine Auffrischungsimpfung erhalten müssen“.

Masken, Abstand, Kontaktbeschränkungen

Die Kontaktbeschränkungen müssen im privaten Bereich gelten, in Innenräumen und in Situationen, „in denen viele Menschen zusammenkommen - etwa in Bars, Clubs und bei Veranstaltungen. Wo sich persönliche Kontakte nicht vermeiden ließen, sei eine "generelle Maskenpflicht - idealerweise mit FFP2-Masken - sowie eine konsequente Durchsetzung der 2G-Regeln und Anwendung der AHA+L-Regeln unvermeidlich“. AHA+L steht für Abstand halten, Hygieneregeln beachten, im Alltag Maske tragen und Lüften.

Ein solches Vorgehen würde „bei stringenter Umsetzung den exponentiellen Anstieg der Neuinfektionen in der vierten Welle beenden und somit auch der Überlastung des Gesundheitssystems entgegenwirken“, schreiben die Expertinnen und Experten.

Als eine etwas mildere Option schlägt die Leopoldina eine „strikte, kontrollierte und sanktionierte 2G-Regelung“ ohne Kontaktbeschränkungen vor - dies wäre aber „weniger effektiv“, heißt es in der Stellungnahme. Bei dieser Option müsse „mit einem längeren Verlauf der vierten Welle und einer erhöhten Zahl von Todesopfern gerechnet werden“.

Teile von Politik und Öffentlichkeit haben die Dramatik der Situation nicht verstanden

Um die Impfquote zu steigern, müssten „Ungeimpfte motiviert oder in die Pflicht genommen werden“, schreibt die Leopoldina weiter. Dazu zähle „die rasche Einführung einer berufsbezogenen Impfpflicht für Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte und medizinische Fachberufe sowie weiterer Multiplikatorengruppen“, heißt es in der Stellungnahme. Darüber hinaus müssten Vorbereitungen zur „Einführung einer allgemeinen Impfpflicht unter Berücksichtigung der dafür erforderlichen rechtlichen und sozialen Rahmenbedingungen“ getroffen werden.

Die Autorinnen und Autoren der Stellungnahme geben ihrer großen Besorgnis angesichts der aktuellen Lage Ausdruck: „Es ist zu befürchten, dass Teile der Politik und Öffentlichkeit die Dramatik der Situation nicht in ihrem vollen Ausmaß erfassen“, schreiben sie. „Dazu tragen die Vielstimmigkeit der öffentlich vorgebrachten Einschätzungen von Fakten und Prognosen, ein gewisser Gewöhnungseffekt und wohl auch das für viele ‚bloß‘ statistische ‚Angesicht‘ der Todesopfer und der Langzeitgeschädigten von Covid-19 bei.“

Die Leopoldina in Halle an der Saale in Sachsen-Anhalt ist eine naturwissenschaftlich-medizinische Akademie mit mehr als 350 Jahre alter Tradition. Als Nationale Akademie der Wissenschaften hat sie die Aufgabe, in voller Unabhängigkeit drängende Zukunftsfragen wie Umwelt und Energie wissenschaftlich zu bearbeiten und sowohl die Politik als auch die Gesellschaft zu beraten.