Zurück an Absender. Foto: Imago Images

Torben Hansen führt bei Zalando den Bereich Recommerce. Er nennt sich Vice President. Wie viele Mitarbeiter zum Team des 41-Jährigen gehören, ist jedoch nicht zu erfahren, „um der Konkurrenz keinen Einblick zu geben“. Tatsächlich versucht man sich in Europas führendem Online-Modekaufhaus gerade an einem Geschäftsbereich, dem überall großes Wachstum prophezeit wird. Es geht um das Geschäft mit pre-owned Mode, also mit Kleidung, die schon genutzt wurde, aber noch neuwertig ist. Secondhand-Klamotten. „Das Interesse dafür ist hoch und steigt kontinuierlich“, sagt Hansen und: „Wir haben das Potenzial, bei unseren Kunden das Verständnis von gebrauchter Mode komplett zu verändern.“

Der erste Schritt wurde gerade getan. Seit Wochenbeginn hat in Zalandos virtueller Shopping-Mall der Secondhand-Bereich geöffnet. Zunächst machen Deutschland und Spanien den Anfang. Schon im Oktober sollen Belgien, Frankreich, Polen und die Niederlande folgen. Zalando will das Spotify der Mode werden und hat schlau erkannt, dass das ohne das sich entwickelnde An-und-Verkauf-Geschäft schwer geht.

Denn längst hat sich ein neuer Secondhand-Markt etabliert. Nachdem der Fast-Fashion-Trend zum Exzess getrieben wurde, hat eine Rückbesinnung begonnen. Onlineportale wie Kleiderkreisel oder Ubup registrieren seit Jahren stetig steigenden Zulauf, weil das Bewusstsein dafür wächst, dass die weltweite Nachfrage nach Ressourcen größer ist als das, was die Erde selbst erneuern kann. Das Unternehmen Sportspar.de etwa hat sich darauf spezialisiert, nicht verkaufte Vorjahresmode – laut Euromonitor immerhin 2,3 Milliarden Artikel allein 2019 in Deutschland – zu verkaufen und so vor der Müllverbrennungsanlage zu retten.

Produkte möglichst lange im Handelskreislauf halten

Es geht darum, Produkte möglichst lange im Handelskreislauf zu halten. Kaufen, nutzen und weiterverkaufen oder -verschenken sind die neuen Spielarten des Konsums. Die Unternehmensberatung McKinsey kam in einer Umfrage zu dem Ergebnis, dass 47 Prozent der 24- bis 39-Jährigen, die sogenannten Millennials, mehr Secondhand-Mode kaufen wollen. Auch bei About you, der Modeplattform des Otto-Konzerns, ist man inzwischen sicher, dass die Menschen hierzulande in zehn Jahren etwa 20 Prozent ihrer Kleidungsstücke auf dem Secondhand-Markt kaufen werden. Zalando-Mann Hansen will nun „ein dringendes Kundenbedürfnis im großen Stil bedienen“.

Zalando hat das Geschäft mit gebrauchter Kleidung zwei Jahre lang mit einer App getestet. Im vergangenen Sommer betrieb man dafür in Berlin sogar für sechs Monate ein Testgeschäft namens „Zircle Store“, in dem gebrauchte Damenkleidung für drei bis sieben Euro angeboten wurde. Laut Hansen sollte ein unkomplizierter und verlässlicher Service entwickelt werden, der müheloses Eintauschen von gebrauchter Mode möglich macht.

Mit der neuen Zircle-App sieht sich Zalando nun seinem Ziel sehr nah. Wer Jacken, Kleider, Hosen, die vielleicht nie oder nur einmal getragen wurden, an Zalando verkaufen will, fotografiert das Kleidungsstück mit der App. Nachdem das Foto hochgeladen wurde, wird es per KI analysiert. Fehlende Etiketten oder kleine Beschädigungen sollen erkannt werden. In jedem Fall gibt es „binnen weniger Sekunden“ eine Rückmeldung samt Festpreis. Ist man einverstanden, kann das Kleidungsstück kostenfrei an Zalando geschickt werden. Entsprechen die eingesandten Artikel tatsächlich der Fotoeinschätzung, fließt das Geld. Dabei kann sich der Kunde aussuchen, ob er einen Gutschein möchte oder der Betrag an das Deutsche Rote Kreuz oder die Hilfsorganisation WeForest gespendet werden soll.

Es kommt nur auf die Marke an

Was bei Zalando zum Verkauf angeboten wird, darf man schon einmal gewaschen und getragen haben. Allerdings muss es dennoch neuwertig sein. Was dafür dann rausspringt, lässt sich sehr einfach auf der Website von Zalando erfahren. Denn dort finden registrierte Kunden in ihrer Wunschliste nun auch eine Auflistung aller jemals bei Zalando gekauften Artikel und dahinter ein konkretes Preisangebot für einen Rückkauf. Darüber hinaus nimmt Zalando auch Stücke zurück, die anderswo gekauft wurden. Es kommt nur auf die Marke an. Insgesamt 3000 Label werden akzeptiert. Was angekauft wurde, geht via Website wieder zurück in den Verkauf und kann ebenfalls binnen 100 Tagen wieder zurückgegeben werden.

Bei Zalando ist man nun davon überzeugt, mit dem Schritt ins Secondhand-Geschäft den pre-owned Modemarkt in Europa revolutionieren zu können. In jedem Fall dürfte das Unternehmen mit seinen 34 Millionen Kunden die Kreislaufwirtschaft in Bewegung bringen, deren Bedeutung etwa von Greenpeace mit der Berechnung belegt wird, dass europaweit jährlich 5,8 Millionen Tonnen Kleidung weggeworfen werden.

Zugleich werden damit auch neue Geschäftsmodelle entstehen. Hendrik Fink, der bei der Unternehmensberatung PwC den Bereich Sustainability Services leitet, ist sicher: „Unternehmen, denen es gelingt, innovative Geschäftsmodelle auf Basis der Circular Economy zu etablieren, werden die Gewinner von morgen sein.“ Die Kreislaufwirtschaft werde zur neuen Normalität, sagt er. Zalando will bis 2023 insgesamt 50 Millionen Kleidungsstücken ein längeres Leben bescheren. Zugleich sorgt Zalando allerdings auch fleißig für Nachschub: Allein in der ersten Jahreshälfte wurden dort über 83 Millionen Bestellungen ausgeliefert. 23 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.