Vitali Shkliarov Change.org

„Vitali Shkliarov, politischer Gefangener“. So ist der offene Brief unterzeichnet, den der 44-Jährige aus seiner Zelle in dem Gefängnis in Minsk schreibt. „Schloss Pishchalovsky“ nennen sie das Gefängnis, eine klotzige Festung aus dem 19. Jahrhundert. Shkliarovs Brief ist voller ohnmächtiger Trauer und Wut. „Es gibt Dinge, die kann man in seinem Leben nur einmal tun. (…) Wie etwa meinen Sohn am 1. September zur Schule zu begleiten. Ich bin im Gefängnis, aber ich hätte bei ihm sein sollen. Nun wird diese Erinnerung immer so bleiben, ich werde sie nie korrigieren können. Ich kann das immer noch nicht begreifen.“

Am 30. Juli, wenige Tage vor den nationalen Wahlen, wurde Vitali Shkliarov, Politikberater und Fellow an der amerikanischen Harvard-Universität, auf dem Markt in der belarussischen Stadt Gomel verhaftet. Er wollte eine Wassermelone kaufen, das erzählen Freunde. Bei seiner Verhaftung trug Vitali Shkliarov Flip-Flops. Ihm wird Artikel 342 des Strafgesetzbuchs der Republik Belarus zur Last gelegt, so viel weiß man: „Organisieren von Handlungen, die die gesellschaftliche Ordnung stark beeinträchtigen, verbunden mit Ungehorsam gegenüber den Befehlen der Regierungsvertreter.“ Ein Gummiparagraf, ausgelegt darauf, missliebige Elemente ruhigzustellen. Ein Überbleibsel aus der sowjetischen Zeit, genau wie der Diktator Alexander Lukaschenko.

In einer Petition fordern Unterstützer von Vitali Shkliarov seine Freilassung. Foto: Change.org

Gomel ist die Stadt, in der Shkliarov geboren wurde. Er war dort, um mit seinem Sohn die eigenen Eltern zu besuchen. Bei seinen letzten Besuchen hatte ihn die Staatssicherheit immer wieder zu sich zitiert und zu seinen Plänen befragt, sie sollen dann versucht haben, ihn zu rekrutieren. Warum genau er jetzt verhaftet wurde, wissen weder er noch seine Freunde. Aber ein Verdacht drängt sich auf: Shkliarov engagiert sich seit vielen Jahren für freie und demokratische Wahlen in Belarus.

Seit am 9. August gewählt wurde und am gleichen Abend die Wahlergebnisse verkündet wurden, ist Belarus in Aufruhr. Lukaschenko ließ sich 80 Prozent der abgegebenen Stimmen zuschreiben. Swetlana Tichanowskaja, die wichtigste Gegenkandidatin der Opposition, habe dagegen nur etwa zehn Prozent der Stimmen erhalten, ließ die staatliche Wahlkommission verlauten. Schon im Vorfeld der Wahlen, mit denen sich Lukaschenko nach 26 Jahren noch weitere fünf Jahre Amtszeit erkaufen wollte, wurden die wichtigsten Kontrahenten entweder verhaftet oder unter Drohungen ins Ausland gejagt. Bei der BBC konnte man sehen, wie maskierte Häscher des Regimes kurz vor den Wahlen junge Männer abgriffen und von der Straße weg in Kleinbusse drängten, um sie zu entführen. Ohne irgendein Motiv, nur um präventiv zu verhindern, dass diese Menschen gegen den Diktator agitieren könnten.

Shkliarov ist einer der wenigen, über dessen Schicksal man mehr erfahren kann. Das liegt auch daran, dass Shkliarov als Politologe hoch angesehen ist und Kontakte zu Intellektuellen auf der ganzen Welt hat. Er ist zudem mittlerweile amerikanischer Staatsbürger. Und er hat prominente Freunde wie den Schriftsteller Wladimir Kaminer, der ihn seit vielen Jahren kennt.

„Vitali hat mit uns gearbeitet als DJ, als lustiger Mensch“, erzählt der Autor. Bei der Russendisko, wie Kaminer erfolgreich jene langen Partynächte der 2000er taufte, in denen Shkliarov, er und andere Freunde russische Musik im Kaffee Burger an der Torstraße auflegten. Als Kaminers erstes Buch „Russendisko“ dann erschien und er auf Lesereise durch Deutschland unterwegs war, unterstützte Shkliarov ihn als Tourmanager.

Belarus, sagt der Schriftsteller Wladimir Kaminer, der das Land durch Shkliarov und andere Freunde gut kennt, sei Anfang der 90er-Jahre einfach stehen geblieben. Belarus habe die Sowjetära beibehalten und dadurch konserviert. Die neue Zeit habe den Weißrussen Angst eingeflößt. Insofern war Shkliarov ein Pionier, als er schon in den 2000er-Jahren in Berlin landete.

Er konnte sich nicht vorstellen, dass dieses verlogene Regime ihn persönlich angreifen wird.

Wladimir Kaminer

Aber Shkliarov, der im westfälischen Vechta Politik studiert hatte, hielt es nicht lange in Berlin. Er ging in die USA, arbeitete für Barack Obamas Wahlkampfteam, unterstützte den einzigen Oppositionspolitiker in der russischen Duma, half bei der Wahlkampagne des US-Demokraten Bernie Sanders mit. Er reiste viel, nach Georgien, nach Russland, beriet Politiker, heiratete eine amerikanische Diplomatin, zog mit ihr nach Brasilien, sie bekamen ein Kind. Und immer wieder, sagt Kaminer, habe Vitali Shkliarov die belarussische Diktatur kritisiert, Angst habe er nicht gehabt: „Er konnte sich nicht vorstellen, dass dieses verlogene Regime ihn persönlich angreifen wird.“

Tatsächlich schlägt das Regime jetzt um sich. Seit Hunderttausende Menschen protestierten, tauchen Fotos von Lukaschenko auf, auf denen der Diktator ganz beiläufig ein Schnellfeuergewehr in der rechten Hand trägt.

Trotzdem protestieren seit Wochen die Menschen im Land. Eine von ihnen ist die Lehrerin M. aus Minsk, die ihre Identität nicht preisgeben kann, ohne sich zu gefährden. Der Zorn, der sie dazu treibt, gegen Lukaschenko auf die Straße zu gehen, hat sich lange aufgestaut: „Ich mag meine Arbeit“, sagt sie am Telefon, „aber dieses System mag ich nicht.“ Ständig würden die Schüler ideologisch gedrillt, statt Inhalte zu lernen. Sie stünden unter dem Zwang, in die Jugendorganisation einzutreten, die von Lukaschenko geleitet wird, Teil eines umfassenden Personenkults. Genau den sieht sie kritisch. „Wir können den Kindern beibringen, unser Land zu lieben“, sagt sie, „aber nicht eine bestimmte Person. Das ist nicht dasselbe.“ Den Gegenentwurf konnten die Belarussen im Wahlkampf sehen, als die Frauen der vertriebenen und verhafteten Männer sich zu einem Oppositionellenbündnis zusammenschlossen.

„In unserem Land gibt es keine legitime Autorität mehr, da die Wahlergebnisse gefälscht wurden“, sagt M. „Das ist der Hauptgrund, warum die Menschen auf die Straße gehen. Und was passiert seitdem? Friedlich Protestierende werden zusammengeschlagen, gefoltert und ermordet.“

In den sozialen Medien tauchen immer wieder Videoclips auf, wo man sieht, wie die OMON-Spezialtruppen des Diktators Lukaschenko sich verzweifelt wehrende Menschen am helllichten Tag entführen.

Shkliarovs belarussischer Anwalt, Anton Gaschinski, war in einem Gefängnis in Minsk, in dem diese Menschen gefangen gehalten und systematisch zerstört werden. „Dort sah ich, wie man aus einem intelligenten, ordentlichen Menschen innerhalb eines Tages einen Obdachlosen mit einem unangenehmen Geruch und zerrissener Kleidung machen kann.“ Man merkt dem Anwalt den Schock über das, was er gesehen hat, noch am Telefon an. „Der ganze Gang war voller Menschen, sie standen in jeweils zwei Reihen vor den Wänden. Die erste Reihe lehnte sich mit dem Kopf an eine Wand, die zweite Reihe stand dahinter. Sie waren alle zusammengeschlagen worden, auf dem Boden und auf der Kleidung war überall Blut. Es war grauenhaft.“

Diese Brutalität ist jetzt Shkliarovs Alltag. Nach wie vor befindet er sich in Untersuchungshaft, in einem juristischen Pandämonium, in dem der Staatsanwalt alle Maßnahmen, die er für richtig befindet, anordnen kann. Zuerst wurde Shkliarov in eine nur einen Quadratmeter große Isolationszelle verlegt – ein bewährtes System, um Häftlinge psychisch zu brechen. Gaschinski sagt, seit seinem Protest dagegen bliebe das Shkliarov erspart. Zuerst wurde er immer wieder vernommen, ohne zu erfahren, was ihm konkret vorgeworfen wird. Er weiß nur, dass seine Ankläger darauf lauern, dass er irgendetwas sagt, was gegen ihn verwendet werden kann.

Je länger man hier im Gefängnis sitzt, desto weniger kannst du dir vorstellen, dass es noch ein Draußen gibt.

Vitali Shkliarov

Doch was das offizielle Vorgehen der Ermittler angeht, ist eine geradezu kafkaeske Wendung eingetreten: „Ich nehme an, dass die Ermittlungen laufen, aber das können wir nur vermuten“, sagt Gaschinski. Weder er noch Shkliarov würden zum Verhör aufgerufen. „Wir wurden ‚eingefroren‘“, sagt der Anwalt. „Jeder tut so, als hätte man kein Interesse an uns.“

Grüne Bundestagsabgeordnete wie Claudia Roth haben gegen Shkliarovs Inhaftierung protestiert, der amerikanische Staatssekretär Stephen Biegun forderte Shkliarovs Freilassung, Martin Hyun, Schriftsteller und ehemaliger Eishockey-Spieler, hat zusammen mit Kaminer eine Petition ins Netz gestellt, in der er die Freilassung seines Freundes Shkliarov fordert: #freevitali haben bisher knapp 3000 Menschen unterzeichnet.

„Wir haben bei der Russendisko oft aus Spaß alte sowjetische Schlager aufgelegt und sie die besten ‚Hits aus dem Imperium des Bösen‘ genannt“, erinnert sich Kaminer. „Es war eine lustige Angelegenheit. Und jetzt, im weißrussischen Knast, wird mein Freund mit der gleichen Musik gefoltert, denn die wird jeden Tag von früh bis spät auf dem Hof abgespielt.“

In dem ersten Brief, den Shkliarov aus der Haft schrieb, berichtete er davon, dass er auch anderes höre: die Proteste auf der Straße, die Rufe: „Freiheit für politisch Gefangene!“

Jetzt hat das Regime den Druck auf ihn erhöht, berichtet sein Anwalt. „Sie haben angefangen, Drogensüchtige, Mörder und Vergewaltiger bei ihm in der Zelle unterzubringen, um die psychische Belastung weiter zu erhöhen.“ Shkliarov, der noch im Juni Artikel in namhaften politischen Zeitschriften darüber schrieb, dass die belarussische Revolution begonnen habe, wird wie die anderen politischen Gefangenen vom Regime systematisch demontiert: „Man kann das taghelle Kunstlicht nicht abschalten. Es ist Tag und Nacht an. (…) Endlos, stechend, man kann weder schlafen noch denken.“

Während das Lukaschenko-Regime seine Taktik verschärft und die OMON-Spezialeinheiten immer wütender auf Demonstranten eindreschen, verschwimmt für Shkliarov die Realität immer weiter: „Je länger man hier im Gefängnis sitzt, desto weniger kannst du dir vorstellen, dass es noch ein Draußen gibt“, schreibt er. Ausgerechnet Vitali Shkliarov, der sein Leben nach der Freiheit ausgerichtet hat, der durch die Zäsur des Mauerfalls aufblühen konnte, ist im letzten sowjetischen System gefangen. Shkliarov schreibt, es fühle sich an wie im Gulag. Doch Lukaschenko geht es um mehr, er will seine Gegner nicht strafen, er will sie brechen. Das Einzige, was Gefangene wie Shkliarov dagegensetzen können, sind die Bindungen an die Außenwelt. Vitali Shkliarov zeigt, dass nur diese tiefsten Bindungen ihn am Leben erhalten: „Eine davon ist mit meinem Sohn. (…) Ich fühle das durch Stahl und Beton. Ich weiß, dass er zur Schule ging und dass er an mich dachte. So wie ich auch an ihn denke.“