Martin Winterkorn gab sich 2017 im Abgas-Untersuchungsausschuss ahnungslos. Die Staatsanwaltschaft bezweifelt das.  + Foto: dpa/Bernd von Jutrczenka

Bei den Haftpflichtversicherungen von vier einstigen VW-Managern wird mit den Zähnen geknirscht. Die Unternehmen müssen für den  Löwenanteil des knapp 288 Millionen Euro schweren Schadenersatzes aufkommen, den die Herren – darunter Ex-Vorstandschef Martin Winterkorn – an den Volkswagen-Konzern wegen der Diesel-Affäre zahlen müssen. Es ist eine Rekordsumme, angesichts der Dimension der Dieselkrise aber gleichzeitig nur ein eher symbolischer Betrag.

Eine vom VW-Aufsichtsrat beauftragte Kanzlei hatte die internen Abläufe in der Zeit vor 2015 geprüft, als der Abgasschwindel zuerst in den USA ruchbar wurde: Während der Fahrt wurden Abgasreinigungssysteme abgeschaltet, Umweltregeln umgangen. Mit laufender Stickoxidreinigung wäre der Verbrauch zu hoch gewesen.

Auf Basis der Ergebnisse entschied das Unternehmen, neben Winterkorn auch dessen Kollegen Rupert Stadler, Wolfgang Hatz und Stefan Knirsch zu belangen. Jetzt hat man sich geeinigt.

Winterkorns private Überweisung wird 11,2 Millionen Euro betragen. Für den lange als „Mr. Volkswagen“ geachteten Manager kommt eine solche Selbstbeteiligung aber nicht an die 17 Millionen Euro heran, die er in seinen besten Jahren an Gehalt einstrich.

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Seine persönliche und die von den Versicherern zugesagten Zahlungen – letztere liegen bei 270 Millionen Euro - übertreffen nach Angaben eines Unterhändlers die Werte bei allen bisherigen Wirtschaftskrimis hierzulande. Mehr als 30 Anbieter sogenannter D&O-Policen („Directors and Officers“), die auf Haftungsrisiken im Management spezialisiert sind, beteiligen sich an der mit Abstand höchste Summe, die ein solches Konsortium in Deutschland jemals auf den Tisch gelegt hat.

Schaden für VW: Mehr als 32 Milliarden Euro

Dennoch deckt das Geld weniger als ein Hundertstel dessen ab, was der Abgasbetrug VW aus der Bilanz fraß. Die Diesel-Rechtskosten machen im größten deutschen Konzern inzwischen über 32 Milliarden Euro aus.

Drei Co-Manager aus Winterkorns Zeit schlossen sich der Einigung an. Ex-Audi-Chef Rupert Stadler selbst überweist 4,1 Millionen Euro. Bei ihm und Winterkorn geht es um die Verletzung von Sorgfaltspflichten im Aktienrecht. Der frühere Porsche-Vorstand Wolfgang Hatz steuert 1,5 Millionen Euro bei, Stefan Knirsch von Audi 1 Million Euro.

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VW hatte auch vom Ex-Entwicklungschef von VW und Audi, Ulrich Hackenberg, Schadenersatz verlangt. Dieser sei aber nicht zu einer Einigung bereit, hieß es. Als Konsequenz sollen nun gerichtliche Schritte gegen ihn vorbereitet werden.

Der Motor, der VW teuer kam: Der 2-Liter-Turbodiesel vom Typ EA189 war nur auf dem Prüfstand sauber. Während der Fahrt schaltete die Motorsteuerung die Abgasreinigung ab, weil sonst der Verbrauch zu hoch geworden wäre.    Foto: dpa/Julian Stratenschulte

Gegenüber dem US-Justizministerium hatte Volkswagen relativ früh ein prinzipielles Schuldanerkenntnis abgegeben, jedoch zusätzlich die Vorgänge in den eigenen Reihen durchleuchten lassen. Dabei drehten die externen Anwälte so gut wie jeden Stein um. Besonders ominös stellte sich ein Manager-Treffen wenige Wochen vor dem Auffliegen der Affäre dar. Wer beim sogenannten „Schadenstisch“ was äußerte und welche Schlüsse gezogen wurden, blieb lange im Dunkeln.

Im Fall Winterkorns lautet der Befund aus Sicht von VW: Der damalige Chef soll es nach dem Krisengespräch am 27. Juli 2015 versäumt haben, „die Hintergründe des Einsatzes unzulässiger Software-Funktionen in 2,0-Liter-TDI-Dieselmotoren, die in den Jahren 2009 bis 2015 im nordamerikanischen Markt vertrieben wurden, unverzüglich und umfassend aufzuklären“. Er habe überdies nicht dafür gesorgt, dass entsprechend Fragen von US-Behörden umgehend wahrheitsgemäß und vollständig beantwortet wurden.

Die VW-Unschuld von Wolfsburg 

Einige Tage, nachdem im September 2015 die Berichterstattung über den Rüffel von US-Umweltbehörden an VW eingesetzt hatte, trat Winterkorn zurück, erklärte aber, er sei sich keines Fehlverhaltens bewusst.   Vor einem Untersuchungsausschuss des Bundestages sagte er 2017: „Es ist nicht zu verstehen, warum ich nicht frühzeitig und eindeutig über die Messprobleme aufgeklärt worden bin.“ Die Berliner Staatsanwaltschaft zieht Teile der Äußerungen in Zweifel, sie klagte Winterkorn wegen Falschaussage vor dem parlamentarischen Gremium an.

Die jetzt geschlossenen Vergleiche bewegen sich außerhalb zivil- und strafrechtlicher Verfahren. Am 22. Juli muss die VW-Hauptversammlung sie noch billigen. Vor den Gerichten selbst sind in bereits laufenden oder in demnächst anstehenden Prozessen jedoch weitere Fragen zu klären.  Von September an stehen Winterkorn und vier weitere Ex-Manager wegen mutmaßlichen gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs vor dem Landgericht Braunschweig. Die Staatsanwaltschaft weitete die Vorwürfe jüngst aus: 15 Führungskräfte des Konzerns und eines Zulieferers wurden wegen Beihilfe zum Betrug in Tateinheit mit Steuerhinterziehung, Beihilfe zu mittelbarer Falschbeurkundung und strafbarer Werbung angeklagt.