Ein Krankenhaus-Mitarbeiter überwacht die Beatmung eines Patienten über eine Maske. Die Methode wird in französischen Krankenhäusern einer Intubation möglichst vorgezogen. Foto: AP/dpa/Christophe Ena

Intensivstationen in Frankreich setzten bei der Behandlung von Covid-19-Patienten in der dritten Welle weniger auf künstliche, maschinelle Beatmung, bei der ein Tubus in die Luftröhre geschoben wird. Die invasive Methode werde weniger systematisch angewendet als noch zu Beginn der Pandemie, sagte der Arzt Philippe Gouin, der eine Intensivstation in Rouen leitet. Der Arzt, auf dessen Station Menschen mit schwerem Covid-19-Verlauf behandelt werden: „Wir wissen, dass jeder Tubus, den wir legen, seinen Anteil an Komplikationen, längeren Aufenthalten und manchmal an Morbidität mit sich bringt.“ Rund 15 bis 20 Prozent seiner intubierten Patienten überlebten nicht.

Der auf Gouins Station liegende Patrick Aricique (67) hatte befürchtet, sterben zu müssen. Seine Lungen hätten sich „von innen komplett verbrannt“ angefühlt. Der frühere Bauunternehmer, der sein Überleben einer göttlichen Macht zuschreibt, will Engel gesehen haben: „Es war wie mit dem Jenseits zu kommunizieren.“

Tatsächlich war aber medizinisches Personal an seiner Seite, das dafür kämpft, Patienten wie Aricique möglichst nicht maschinell beamten zu müssen. Stattdessen versorgten sie ihn mit Nasensonden und einer Maske mit Sauerstoff. Damit blieben ihm ein tief im Hals fixierter Beatmungsschlauch und eine Sedierung durch Beruhigungsmittel erspart.

Lesen Sie auch: Wie Personalmangel scheinbar die Zahl der Intensivbetten verringert >>

Sedierte Patienten, die maschinell beatmet werden, verbringen oft Wochen oder sogar Monate auf der Intensivstation. Die Verarbeitung der damit einhergehenden körperlichen und geistigen Traumata kann weitere Monate dauern. Der Krankenpfleger Gregory Bombard erinnerte sich an einen Patienten, der schluchzte, als er in einen schließlich 14-tägigen Schlaf versetzt wurde: „Man konnte sehen, dass er schreckliche Angst hatte.“

Aricique konnte die Intensivstation in Rouen schon nach dreizehn Tagen wieder verlassen. Ein nicht-invasives Beatmungssystem über die Nase, das ihn stündlich mit Tausenden Litern Sauerstoff versorgte, brachte den Rentner durch die kritische Phase seiner Erkrankung. Solange bis er fit genug war, dass die Sauerstoffzufuhr reduziert werden konnte und er wieder aufrecht sitzen konnte. Er fühle sich wie neugeboren, sagte Aricique, während er ein kleines, aus Omelett und Rotkohl bestehendes Mittagessen zu sich nahm.

Die Ärztin Dorothee Carpentier erlaubte sich während ihrer Visite einen kurzen Moment der Freude, nachdem sie Aricique für entlassungsfähig erklärte. Auch der Patient im Nachbarzimmer könne gehen, entschied sie. Die Entlassungen seien kleine Siege für die 20-Betten-Station. Sie fürchte aber, dass die beiden frei gewordenen Betten bis zum Morgen wieder belegt seien:. „Das Schwierige an dieser dritten Welle ist, dass es keinen Stopp-Knopf gibt.“  

Ein paar Zimmer weiter kämpft eine auf dem Bauch liegende Frau (69) mit dem Atmen durch eine Maske, die sie mit Sauerstoff versorgt. Um die maschinelle Beatmung abzuwenden, die als nächstes anstehen würde, appellierte Bombard an die Schwiegertochter der Frau. Sie solle tun, was sie kann, um die Schwiegermutter zu überzeugen, bei der Sauerstoffmaske zu bleiben.„ Die Moral ist so wichtig, und sie muss die Kurve kriegen.“ Das Personal tue, was es könne. Aber die Patienten müssten sich auch anstrengen, um zu gewinnen, sonst würden sie verlieren.

Als die Schwiegertochter das Zimmer später verließ, sagte sie mit Tränen in den Augen: „Es ist wirklich hart, sie so zu sehen. Sie lässt sich gehen.“