Ein Schiff des britischen Grenzschutzes bringt eine Gruppe von mutmaßlichen Migranten nach Dover. Foto: Kirsty Wigglesworth/AP/dpa

Sie kommen oft aus armen Ländern und hoffen auf ein besseres Leben in Großbritannien: Die Zahl der Migranten, die in Booten die gefährliche Fahrt über den Ärmelkanal antreten, steigt immer stärker an. Nun sind es an einem Tag mehr als im ganzen Jahr 2018. Denn mindestens 409 Migranten haben in kleinen Booten Großbritannien erreicht - so viele wie nie zuvor an einem einzigen Tag. Darunter waren nach Behördenangaben kleine Kinder, die noch nicht laufen konnten.

Die Migranten hatten sich am Mittwoch bei sonnigem Wetter und ruhiger See von Frankreich aus auf den Weg über die Meeresenge gemacht. Sie ist an der engsten Stelle etwa 35 Kilometer breit. Die Überquerung in kleinen Booten ist gefährlich, weil der Ärmelkanal von vielen großen Schiffen befahren wird.

In ihrem winzigen Schlauchboot versucht eine Gruppe von mutmaßlichen Migranten ins britische Dover zu gelangen.  Foto: Gareth Fuller/PA Wire/dpa

Das gute Wetter gilt als ein Grund für die vermehrten Überfahrten. Den Behördenangaben vom Donnerstag zufolge sollen auch die Corona-Pandemie und Änderungen bei Kontrollen im französischen Calais für den Anstieg verantwortlich sein. Seitdem im vergangenen Jahr 39 Vietnamesen qualvoll in einem gekühlten Lastwagen starben, wurden die Kontrollen in den Häfen verschärft. Auch das hat Experten zufolge die Zahl der illegalen Überquerungen in Booten in die Höhe getrieben. Der bisherige Tagesrekord lag bei 235 Migranten vor etwa einem Monat.

In diesem Jahr haben bereits mehr als 5500 Menschen den Meeresarm zwischen Frankreich und Großbritannien überquert. Im ganzen Jahr 2018 erreichten hingegen nur knapp 300 Flüchtlinge und andere Migranten die englische Küste, 2019 waren es schon mehr als 1800. Auch die Zahl der Kinder, darunter Babys, nimmt den Behörden zufolge zu.

Zwischen Dover und Calais ist der Ärmelkanal nur 32 Kilometer breit. Grafik: dpa/Ben Bolte

Fast alle Migranten geben an, aus armen Ländern und politischen Konfliktregionen zu kommen - etwa aus dem Iran, dem Irak, aus Syrien, Äthiopien oder dem Jemen. Die meisten von ihnen beantragen Asyl.

London erhöht nun deutlich den Druck auf Paris, die Schleuser-Kriminalität härter zu bekämpfen. Premierminister Boris Johnson, der sein Land als „Ziel und Magnet“ für organisierte Schlepper bezeichnete, kündigte gesetzliche Verschärfungen an.

Erst kürzlich war ein junger Mann aus dem Sudan ertrunken, der - offenbar auf eigene Faust - per Schlauchboot mit einem Bekannten den Ärmelkanal überqueren wollte. Seine Leiche wurde an der französischen Küste angespült, sein Bekannter überlebte.