Räumungsverkauf – werden diese Plakate jetzt immer öfter an Geschäften zu sehen sein? Foto: dpa/Tobias Hase

Im Corona-Jahr 2020 war noch die befürchtete Welle von Unternehmenspleiten ausgeblieben. Doch dies könnte sich jetzt schlagartig ändern. Die wirtschaftliche Not vieler Unternehmen wurde nicht sichtbar, weil die Pflicht, einen Insolvenzantrag zu stellen, bis 30. April ausgesetzt war. Dies sollte Schuldnern helfen, die einen Anspruch auf staatliche Hilfen aus den Corona-Programmen hatten, aber noch kein Geld ausgezahlt bekamen.

CDU/CSU gegen Verlängerung des Insolvenzschutzes

Kommt es jetzt mit dem Auslaufen der Regelung zu dem lange befürchteten Tsunami an Firmenpleiten? Auch die Europäische Zentralbank (EZB) hat vor einer drohenden Insolvenzwelle verschuldeter europäischer Firmen gewarnt, die die wirtschaftliche Erholung in den EU-Staaten deutlich verlangsamen könnte.

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Laufe die Regelung nun aus, müssten viele Unternehmen, die sich bisher tapfer durch die Krise gekämpft hätten, Insolvenz anmelden, kritisierte der SPD-Rechtspolitiker Johannes Fechner, „nur weil staatliche Hilfen noch nicht ausgezahlt sind“. Es stünden Tausende Jobs auf der Kippe. „Hier werden Wirtschaftsstrukturen zerstört, die auf Dauer verloren sind.“ Bisher blockiert die Union eine Verlängerung der Regelung. Laut Fechner soll es nächste Woche einen letzten Versuch geben, mit der Union die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht um weitere zwei Monate zu vereinbaren.

Schadet die Regelung mehr, als sie nutzt?

Doch viele Experten sehen in einer Verlängerung mehr Schaden als Nutzen. Sinn und Zweck der Antragspflicht für Insolvenzen sei ja, sowohl die betroffenen Unternehmen als auch die Gläubiger zu schützen, so der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, im Handelsblatt. Firmen, die keinerlei Chance auf Überleben haben und dank der Regelung dennoch weiter Geschäfte abschließen, könnten nämlich im Pleitefall weitere Unternehmen mit in die Tiefe reißen.

„Ein frühzeitiger Antrag auf Insolvenzschutz erlaubt es Unternehmen, Verbindlichkeiten umzustrukturieren und die Chance fürs Überleben zu verbessern“, erläuterte Fratzscher weiter. Deutschland werde zwar unweigerlich eine Welle von Unternehmensinsolvenzen bevorstehen, doch es sei besser, „diese frühzeitig zu erkennen und abmildern zu helfen“, so der Wirtschaftsforscher. 

Pleitewelle könnte milder ausfallen als befürchtet

„Nach über einem Jahr und zweimaliger Verlängerung sollten wir jetzt besser der Wahrheit ins Auge sehen und die aufgestaute Welle nicht noch höher werden lassen“, stellte sich auch Grünen-Politikerin Katja Keul gegen eine weitere Aussetzung der Insolvenzantragspflicht.

Den Prognosen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) Köln nach könnte die Pleitewelle sogar milder ausfallen als befürchtet. Die IW-Experten rechnen in diesem Jahr mit rund 23.250 Firmenpleiten. Das wären 47 Prozent mehr als im Vorjahr. Da war allerdings die Zahl mit 15.841 Firmenpleiten auf den niedrigsten Stand seit Einführung der Insolvenzordnung 1999. Beide Corona-Jahre 2020 und 2021 zusammengenommen, liegt der Schnitt also nur bei 19.546 Pleiten pro Jahr, was nur noch einen Anstieg von 4,3 Prozent gegenüber 2019 bedeutet.

Die große Welle könnte auch ausbleiben, weil die Bundesregierung Unternehmen in Not weiterhin hilft. So sind im März laut Ifo-Institut noch immer 2,7 Millionen Arbeitnehmer in Kurzarbeit. Zudem läuft die Überbrückungshilfe III, bei der Unternehmen ihre Fixkosten erstattet bekommen, noch bis Ende Juni weiter.