Das 462 Meter hohe Lachta-Zentrum  in St. Petersburg ist die Gazprom-Zentrale: Von hier aus kommt die Forderung nach schneller Lieferung der reparierten Pipeline-Turbine.
Das 462 Meter hohe Lachta-Zentrum in St. Petersburg ist die Gazprom-Zentrale: Von hier aus kommt die Forderung nach schneller Lieferung der reparierten Pipeline-Turbine. AP/Dmitri Lovetsky

Es wird immer unwahrscheinlicher, dass von Donnerstag an wieder russisches Erdgas durch die Ostsee-Pipeline Nord Stream 1 nach Deutschland fließt. Zwar sollte die Wartung der  wichtigsten Versorgungsleitung von Russland nach Deutschland an diesem 21. Juli  abgeschlossen sein. Aber es fehlt weiterhin eine  Turbine, die Kanada nach der Wartung durch Siemens Energy lange wegen der Sanktionen nach Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine zurückgehalten hat, und niemand erwartet, dass sie so schnell geliefert und eingebaut sein wird.  Gleichzeitig gibt es Hoffnung, dass die Pipeline anschließend wieder in Betrieb genommen wird.

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Der Energie-Konzern Gazprom beklagt, es gebe vom deutschen Konzern Siemens Energy keine Dokumente, die eine Rückkehr der Gasturbine bestätigten. Sie sei aber wichtig für die Kompressorstation Portowaja, die wiederum für den Betrieb von Nord Stream 1 unbedingt nötig sei. Schon vor Beginn der auf zehn Tage angelegten Wartungsarbeiten hatte Gazprom die Gasdurchleitung durch die Pipeline um 60 Prozent gedrosselt. Das trieb die hohen Gaspreise weiter in die Höhe.

Siemens Energy erklärte auf die Frage des KURIER, wo die Maschine aktuell ist und wann sie eingebaut werden könne, es bleibe beim alten Statement: „Es ist es unser Ziel ist es, die Turbine so schnell wie möglich zu ihrem Einsatzort zu transportieren.“ Mehr gebe es dazu nicht zu sagen.

Zwar betont Moskau, Russland wolle seine Verpflichtungen als Gaslieferant auch künftig erfüllen. Aber um die Turbine dreht sich längst die Energiekrise in Europa, weil Russland ihr Fehlen nach Befürchtungen der Bundesregierung als Vorwand benutzen könnte, die Lieferungen ganz zu kappen. Mit hämischer Freunde berichten russische Staatsmedien, wie  die Bundesregierung wegen der unsicheren Lage um Nord Stream 1 zum Energiesparen aufruft und Milliarden ausgibt, um die sozialen Folgen rasant steigender Lebenshaltungskosten abzufedern.

Schuld an der Gas-Krise sind für Russland immer die anderen

Gazprom gibt zudem der Ukraine die Schuld an der Lage, weil nicht einmal mehr die Hälfte der möglichen täglichen Liefermenge durch das Transitnetz des Landes geleitet werde. Die Ukraine, die trotz Moskaus Angriffskrieg derzeit noch rund 40 Millionen Kubikmeter Gas täglich nach Westeuropa pumpt, hätte es am liebsten, dass die EU ganz auf Lieferungen aus Russland verzichtet. Auch die Gasleitung Jamal-Europa ist stillgelegt, weil Polen sich weigerte, das Gas – wie von Putin gefordert – in Rubel zu bezahlen.

Eine belarussische Kompressor-Station an derJamal-Pipeline: Nach Westen fließt nichts mehr, weil Polen Gas nicht in Rubel bezahlt.
Eine belarussische Kompressor-Station an derJamal-Pipeline: Nach Westen fließt nichts mehr, weil Polen Gas nicht in Rubel bezahlt. AP/Sergei Grits

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Russland hat kein Interesse daran, in diesem Konflikt als die Seite dazustehen, die Verträge bricht. Andere Großabnehmer wie China oder die Türkei, die ebenfalls über neu gebaute Gasleitungen versorgt werden, könnten alarmiert werden und an Russlands Zuverlässigkeit zweifeln, wenn die Energiegroßmacht Europa den Hahn abdreht.

Russlands Problem: Wohin mit dem Gas, wenn es nicht nach Westen fließt?

Manche Politiker in Moskau würden den EU-Staaten am liebsten gleich den Gashahn abdrehen, um ihnen wirtschaftlich zu schaden. Trotzdem weist etwa der Energie- und Finanzexperte Marcel Salichow darauf hin, dass Moskau von den Einnahmen aus dem Gasverkauf abhängig sei und seinen Staatshaushalt damit finanziere. Es sei auch nicht möglich, die nach Europa verkauften Mengen einfach umzuleiten und anderswo für die im Westen üblichen Preise zu verkaufen. „Auch nach China lässt sich das nicht umleiten. Es gibt dort keine Gasleitungen mit freien Kapazitäten“, sagt der Präsident des Moskauer Instituts für Energie und Finanzen an der Hochschule für Ökonomie.

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Außerdem seien Russlands Anlagen für die Verflüssigung von Gas voll ausgelastet. Das Land müsste im Fall eines Abdrehens des Gashahns seine Fördermengen deutlich herunterfahren, meint Salichow. „Aber auch das ist nicht so einfach.“ Im eigenen Land mehr Gas abzusetzen sei kaum möglich. Auch, weil wegen der Sanktionen des Westens viele russische Fabriken als Gaskunden still stehen.