Schleswig-Holstein geht es noch ganz gut, aber je weiter südlich in Deutschland es geht, desto höher ist die Corona-Ansteckungsquote. Foto: imago/Rüdiger Wölk

Die Idee von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), die bundesweite „epidemische Lage von nationaler Tragweite“ nicht vom Bundestag über den 25. November hinaus verlängern zu lassen, stößt weiter auf ein sehr geteiltes Echo. Denn Corona-Infektionen greifen immer stärker um sich. Auch aus etlichen Staaten der Welt kommen  beunruhigende Nachrichten.

Eine aktuelle YouGov-Umfrage zeigt, dass 57 Prozent der deutschen Bevölkerung dafür sind, die Regelung zu beenden, wenn 3G-Regel, Hygiene- und Abstandsregeln weiter gelten. Männer, junge Erwachsene und Ostdeutsche sind eher für die Beendigung der „epidemischen Lage“, die Grundlage von Anti-Corona-Verordnungen ist.

Regierender Bürgermeister will kein abruptes Ende

Der Städte- und Gemeindebund war begeistert von Spahns Vorschlag, auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft sprang ihm bei. Mehrere Politiker sind skeptisch, nicht nur der stetige Mahner Karl Lauterbach (SPD). Beispielsweise sagte Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) im Radiointerview, man brauche eine Übergangszeit und keine schlagartige Beendigung.

Auch aus der Medizin kommen Warnungen. So sagte Tom Lüdde, der Chef der Infektiologie im Uniklinikum Düsseldorf, es sei zu früh, Covid-19 freien Lauf zu lassen. Es gebe noch Millionen von Ungeimpften, darunter drei bis vier Millionen Menschen mit Risikofaktoren für einen schweren Verlauf. Durch saisonale Effekte in Herbst und Winter begünstigt, könne eine rasch ablaufende Covid-19-Welle zu zahlreichen Toten führen und die Krankenhäuser erneut an ihre Grenzen bringen.

So sieht es gegenwärtig noch nicht aus, es wurden innerhalb einer Woche 2,13 Menschen pro 100.000 Einwohner mit Corona ins Krankenhaus eingeliefert. Das waren 13 weniger als in der Weihnachtszeit 2020. Auch die Intensivstationen sind nur zu 6,6 Prozent mit Corona-Patienten belegt.

92 Corona-Tote an einem Tag

Allerdings schnellte die 7-Tages-Inzidenz auf über 80 Ansteckungen pro 100.000 Einwohner hoch, stieg seit sieben Tagen stetig. Vor einer Woche lag die Inzidenz noch bei 65. Dem Robert Koch-Institut wurden zuletzt 92 Tote und über 17.000 Ansteckungen binnen 24 Stunden gemeldet. Besondere Zuwächse gibt es bei Kindern: In Berlin beispielsweise lag die Inzidenz mit 196 bei den 10- bis 14-Jährigen am höchsten.

Nun wird gern darauf hingewiesen, dass beispielsweise in Dänemark die Corona-Eingriffe auf Null gefahren wurden. Allerdings sind dort 75 Prozent der Einwohner des ziemlich dünn besiedelten Lands vollständig geimpft, in Deutschland krebst die Zahl bei knapp 66 Prozent herum.

In Großbritannien sind es knapp 79 Prozent der über Elfjährigen immunisiert. Und dort, wo der Begriff „Freedom Day“ für den Tag der weitgehenden Abschaffung der Beschränkungen im Juli erfunden worden war, läuft die Situation mit fast 45.000 Ansteckungen am Tag aus dem Ruder. Die 7-Tage-Inzidenz liegt bei 435. Die Totenzahl ist schlecht mit Deutschland vergleichbar, aber zuletzt erlagen 223 Menschen der Krankheit im Zeitraum von 28 Tagen nach der Feststellung ihrer Infektion. Der höchste Wert seit sieben Monaten. 

Ein Vertreter des Nationalen Gesundheitsdiensts verlangte deshalb eine sofortige Wiedereinführung der Maskenpflicht und riet dazu, möglichst von zuhause aus zu arbeiten. 

Auch in Polen steigen die Infektionszahlen dramatisch an

Polens Gesundheitsminister Adam Niedzielski hat vor einer „eigentümlichen Explosion“ der Corona-Pandemie in seinem Land gewarnt. Die Zahl der registrierten Neuinfektionen innerhalb von 24 Stunden habe sich am Mittwoch im Vergleich zur Woche davor um hundert Prozent gesteigert. Demnach verdoppelt sich die Zahl der Neuinfektionen von Woche zu Woche. „Wenn diese Situation anhält, durchbricht sie alle Prognosen, die uns bislang vorliegen.“  

Nach letzten Angaben des Gesundheitsministeriums gab es 5559 Neuinfektionen binnen 24 Stunden, im gleichen Zeitraum starben 75 Menschen im Zusammenhang mit dem Virus. Niedzielski sagte weiter, ein Drittel der Neuerkrankungen seien in den Woiwodschaften Lublin und Podlachien im Osten und Südosten des Landes registriert worden.  

Eine katastrophale Entwicklung nimmt Russland, wo mittlerweile täglich um die tausend Menschen an Covid-19 sterben. Die Infektionszahlen liegen inzwischen offiziell bei über 33.000 neuen Ansteckungen am Tag, mehr als im November vergangenen Jahres. Allerdings ist nicht einmal jeder dritte Russe vollständig geimpft, weil viele Menschen den russischen Impfstoffen skeptisch gegenüberstehen. Es gibt Berichte, dass Russen nach Serbien reisen, um sich dort mit Biontech/Pfizer immunisieren zu lassen.