Prof. Dr. Axel Börsch-Supan ist Haupt-Autor der Rentenstudie für das Bundeswirtschaftsministerium Jan Roeder/MEA

Eine riesige Empörungswelle brach los, als der Wissenschaftliche Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums eine Erhöhung des Renteneintrittsalters auf 68 Jahre im Jahr 2042 vorschlug. Sofort war die Politik von der Linken bis zur CSU flächendeckend dagegen. Doch es besteht Handlungsbedarf bei der Rentenfinanzierung, und das Thema wird weiter köcheln, auch wenn vor der Bundestagswahl kaum ein Politiker mehr drastische Maßnahmen fordern dürfte. 

Das Rentensystem ist zunehmend eine Angelegenheit des Steuerzahlers: Mit 107 Milliarden Euro bezuschusst er die Rentenversicherung voraussichtlich in diesem Jahr (2020: 102 Milliarden), weil die Beiträge nicht reichen – das sind 28 Prozent des Bundeshaushalts. Die letzten offiziellen Zahlen sind ohnehin atemberaubend: 2019 bezogen 21,6 Millionen Menschen 328 Milliarden Euro Altersrente.

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Die Wissenschaftler um Axel Börsch-Supan vom Max-Planck-Institut für Sozialrecht und -politik argumentieren in ihrem Gutachten für das Ministerium, dass der Steueranteil 2045 auf mehr als die Hälfte, 2060 vollends unbezahlbar auf über zwei Drittel des Bundeshaushalts steigen müsste, wenn sich ansonsten nichts ändert.

Rentenbeitrag auf 28 Prozent hoch?

Ersatzweise müsste der Beitrag zur Rentenversicherung, den sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber teilen, von jetzt 18,6 auf 28 Prozent des Bruttolohns steigen. 

Schubbern bis 68? Das Renten-Einstiegsalter kommt immer später, und es könnte noch weiter angehoben werden. Foto: imago/Future Image

Hauptursache für die Finanzierungsproblematik sei, dass die Zahl der Rentner durch die steigende Lebenserwartung immer mehr wachse und die große Alterskohorte der „Baby-Boomer“ jetzt in Rente gehe: Kämen gegenwärtig 37 Rentner auf 100 potenzielle Steuerzahler, wären es 2040 schon 53. Deshalb wurde auch schon Vorsorge getroffen: Bis zum Ende dieses Jahrzehnts soll das Renteneintrittsalter, aktuell bei 65 Jahren und 10 Monaten, auf 67 Jahre steigen. 

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Finanzminister Olaf Scholz, wahlkämpfender SPD-Kanzlerkandidat, wollte die Rechnungen eines „Horrorszenarios“ nicht akzeptieren, lieber auf „echte Experten“ hören. Und in der Tat gibt es Fachleute wie Sebastian Dullien vom Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung, der in einem Interview keinen Grund sah, jetzt über das Renteneintrittsalter nach 2030 zu sprechen. Annahmen zur Bevölkerungs- und Rentenentwicklung hätten sich in der Vergangenheit oft als falsch erwiesen.

Alles nur haltlose Renten-Prognosen?

Tatsächlich war gegenüber den Prognosen aus den 2000er-Jahren schon im abgelaufenen Jahrzehnt keine Rentenlücke entstanden, die Rentensenkungen oder Beitragserhöhungen erzwungen hätte. Stattdessen wurden unerwartet viele neue Jobs geschafft, die Bevölkerung wuchs wider Erwarten, die Rentenkassen flossen über, sodass der Bund beispielsweise unter bestimmten Voraussetzungen die Rente mit 63 Jahren und die Mütterrente ermöglichte. 

Nach der Wahl wird die Debatte vermutlich mit weniger Wahlkampf-Schaum vor dem Mund geführt, Vorschläge der Experten liegen neben den Möglichkeiten einer Anhebung der Altersgrenze, einer Beitragserhöhung, einem erhöhten Steuerzuschuss oder einer Senkung des allgemeinen Rentenniveaus auf dem Tisch.

So könnte sich die Rentenentwicklung für Neurentner nicht mehr an der Lohn-, sondern der Preissteigerung orientieren, was mit steigendem Alter die Rente sinken ließe. Eine andere Idee läuft darauf hinaus, dass Menschen, die eine hohe Rente zu erwarten haben, etwas weniger bekommen. Das könnte zu höheren Bezügen bei kleinen Renten führen, die sie aber kürzer beziehen würden: Geringverdiener leben statistisch nicht so lange wie Besserverdiener.