Ria Cybill Geyer bei einem Einsatz der Berliner Motorrad-Staffel. Die Polizistin kämpft darum, für die SPD in den Bundestag zu ziehen.

Foto: Ria Cybill Geyer

Um von Berlins Innenstadt nach Bärenklau zu gelangen, kommt man besser gut motorisiert. Wer das 1500-Einwohner-Örtchen im nordwestlichen Speckgürtel mit den Öffentlichen erreichen will, benötigt je nach Verbindung bis zu zwei Stunden, nachts fast drei Stunden zurück.

Die Infrastruktur – eine einzige Katastrophe: Darüber sind sich die drei SPD-Kandidaten einig, die sich hier dem SPD-Ortsverein Schwante/Oberkrämer vorstellen. Tischler Finn Kuhne, Polizistin Ria Cybill Geyer – beide aus Falkensee – sowie Stadtmarketing-Fachfrau Ariane Fäscher aus Hohen Neuendorf. An diesem milden Abend sind im Bärenklauer Dorfkrug alle Tische belegt, die Stimmung urig, es duftet nach deftigem Landessen und Bier.

vlnr: Ariane Fäscher, Ria Cybill Geyer, Finn Kuhne – jeder von ihnen will für die SPD im Wahlkreis 58 Oberhavel  (Havelland II) in den Bundestag ziehen, aber nur einer von ihnen wird kandidieren.

Foto: Studnik

Im riesigen Nebensaal, eigentlich für Großhochzeiten und Stadtfeste gedacht, trudeln acht Genossen ein. Im Vorfeld hagelte es Absagen: Einige sind krank, andere weilen noch im Herbst-Urlaub. Doch der Terminplan gestattet keinen Aufschub. Mitte November bestimmt die SPD, wer gegen den CDU-Kandidaten Uwe Feiler antritt. Der Finanzfachwirt hat den Wahlkreis 58 Oberhavel  (Havelland II) für die Union bereits zweimal als Direktkandidat erobert. 

„Feiler hat es verstanden, hier in die Vereine zu gehen und Präsenz zu zeigen“, erklärt Ria Cybill Geyer. Die Sozialdemokraten hätten dagegen ihre Kandidaten nach dem Motto aufgestellt: „So, Du musst ran, Pech gehabt.“ So kann es also nicht weitergehen. Aber wie soll ein Wahlkampf in Zeiten stetig steigender Corona-Zahlen überhaupt funktionieren? Finn Kuhne will seine Partei stärker in die sozialen Medien bringen, für Ariane Fäscher und Ria Cybill Geyer müssen die Kandidaten zum Anfassen da sein. Mögliche Wähler zuhause besuchen, mit Feuerwehrlern über ihre Nöte sprechen. 

Ein Outing bei der Berliner Polizei als Trans-Frau – Ria Cybill bewies Mut.

Foto: Ria Cybill Geyer

Ria Cybill Geyer setzt auf absolute Transparenz. So offen mit den Bürgern sprechen, wie sie selbst mit Freunden, Familie und Kollegen umging, als es um die vielleicht wichtigste Frage ihres Lebens ging. Erst spät hat sie sich eingestanden, „dass ich im falschen Team spiele“. Vor zwei Jahren, da war sie gerade 54 Jahre alt, kam Ria Cybill zu einer Oktoberfest-Betriebsfeier der Berliner Polizei im Dirndl. Ihr mutiges Outing als Trans-Frau.

Ab Freitagmittag ist hier quasi dunkeltot

Ria Cybill Geyer über die ärztliche Versorgung im Berliner Speckgürtel

Zöge sie als erste transidente Abgeordnete in den Bundestag ein, könnten die Genossen Geschichte schreiben. Doch hier im Ortsverein brennen den Anwesenden viele Themen auf den Nägeln. Stichwort: ärztliche Versorgung. „Ab Freitagmittag ist hier quasi dunkeltot“, formuliert es Ria Cybill. Sie erzählt mir von ihrer Lebensmittelvergiftung, die sie vor einiger Zeit in ihrem Falkenseer Haus erlitt. „Wenn mich meine Lebenspartnerin nicht ins Krankenhaus gefahren hätte, wäre das übel ausgegangen.“

Aber was dagegen unternehmen? Ria Cybill will mehr Anreize für Ärzte, aufs Land zu ziehen, Mediziner aus anderen Ländern anwerben. Dadurch wecke man wiederum bei den Einheimischen mehr Verständnis für Fremde.

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Das klingt nach traditionell-grünem Multikulti. Doch eine Zusammenarbeit mit Grünen kann sich Ria Cybill derzeit gar nicht vorstellen und nennt deren aktuelle Politik in einem Atemzug mit der AfD: „Da sind’s eben nicht die Migranten, da sind’s die Autofahrenden.“ 

Ria Cybill punktet an dem Abend als Expertin für innere Sicherheit, benennt aus eigener Anschauung beide Seiten des Problems: Struktureller Rassismus innerhalb der Polizei müsse selbstverständlich untersucht werden. Aber auch Angriffe gegen Sicherheitskräfte, wie sie in Berlin an der Tagesordnung sind, prangert die Polizistin an.

„Ich würde mir nicht verzeihen, wenn ich es nicht probiert hätte“ – Lebensmotto von Ria Cybill, die sich hier mit der Gitarre in der Hand auf die offene Bühne wagt.

Ria Cybill Geyer

Am Ende des Abends bleibt unklar, wer hier das Rennen gemacht hat: Der junge Finn Kuhne (23) zeigt politisches Talent, eckt aber immer wieder mit streitbaren Positionen an. HauptschülerInnen brächten als Auszubildende zu geringe Qualifikationen mit, klagt er – und erntet umgehend Widerspruch einer Mutter, die von den frustrierenden Erfahrungen ihrer behinderten Tochter beim Einstieg ins Berufsleben berichtet.

Diese Flanke greift Ariane Fäscher instinktsicher auf, erzählt, wie sie selbst als übergewichtiges Kind ausgegrenzt wurde – und beschwört Chancengleichheit für alle. „Du wirst gebraucht und geliebt, wie Du bist.“ Mit ihrer eigenen Lebensgeschichte hätte Ria Cybill dieses Thema ebenso für sich entscheiden können, aber dieser Punkt ging wohl gerade an Ariane.

Ihre Chancen im Kandidatenrennen beurteilt Ria Cybill realistisch: „Ich würde mir nicht verzeihen, wenn ich es nicht probiert hätte.“ Wer auch immer es von den drei so unterschiedlichen Bewerbern schafft, den Wahlkampf werden sie nur als Team bestreiten können. Ria Cybill nennt es die zwei großen Prüfungen ihres Lebens: „Ich bin Polizistin – und ich bin Sozialdemokratin.“