Ein verletzter Junge liegt am 4. August 2020 auf der Erde, eine Rauchsäule und die Reste eines Getreidesilos zeugen von der Explosion, die Bürger der Stadt wie von einer Atombombe beschrieben. AFP

Ein Jahr nach der verheerenden Explosion im Beiruter Hafen mit 214 Toten legte die New Yorker Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW)  zum Jahrestag am 4. August einen Bericht vor, der umfänglich aus Dokumenten und Schriftwechseln libanesischer Entscheidungsträger bis in höchste Ebenen zitiert. Die Schlussfolgerung: „Unter nationalem Recht könnte dies auf das Verbrechen Totschlag mit möglicher Absicht und/oder fahrlässige Tötung hinauslaufen“. Denn bis hinauf zum Staatspräsidenten wussten viele Offizielle von der Gefahr.

So wie eine Atombombe

Im Beiruter Hafen, umgeben von einem dicht besiedelten Wohngebiet, waren seit 2013 mit Wissen der Behörden 2750 Tonnen explosives Ammoniumnitrat in einem Lagerhaus untergebracht. Ein Material, das zur Herstellung von Düngemitteln und Sprengstoff verwendet wird. Am 4. August 2020 kam es zu einer unbeschreiblichen Explosion.

Die Gefahr war laut HRW in Behörden- und Regierungsstellen bekannt, getan wurde nichts dagegen. Die Detonation zerstörte Tausende Wohnungen und Geschäfte, neben den 214 Toten gab es mehr als 6000 Verletzte.

„Die Handlungen und Versäumnisse der libanesischen Behörden führten zu einer unzumutbaren Gefährdung von Leben“, schrieb HRW in dem 650 Seiten umfassenden Bericht und verwies darauf, das ein Versagen des Staates, solche vorhersehbare Gefahren zu verhindern, ein Verstoß gegen das Recht auf Leben sei.

Libanons Präsident Michel Aoun soll die Gefahr gekannt haben, sagt Human Rights Watch. dpa/Dalati & Nohra

Libanons Präsident, Ministerpräsident, Minister: Alle waren im Bilde

HRW benannte ranghohe Politiker und andere Verantwortliche, die über die gelagerten Gefahrenstoffe Bescheid gewusst und nichts unternommen haben sollen, darunter Staatspräsident Michel Aoun, den damaligen Ministerpräsidenten Hassan Diab, einen ehemaligen Heereschef sowie mehrere Minister.

Mehrere Entscheidungsträger haben eingeräumt, über das Ammoniumnitrat informiert gewesen zu sein. Einige sagten, sie hätten sich darum gekümmert, nachdem sie davon erfahren hätten, andere, sie hätten nichts unternommen, weil sie nicht zuständig gewesen seien.

Mangelnde Unabhängigkeit der Justiz, die Immunität ranghoher Regierungsfunktionäre und eine Vielzahl verfahrenstechnischer und systemischer Fehler hätten dazu geführt, dass die libanesische Ermittlung zur Explosion bisher nicht in der Lage gewesen sei, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen, beklagte HRW. Die Notwendigkeit „einer internationalen Untersuchung hat nur zugenommen“.

Noch vor drei Wochen, fast ein Jahr nach der Explosion, sah es im Hafen von Beirut so aus.  AFP/Patrick Baz

Die Libanon-Rechercheurin von HRW, Aya Majzoub, sagte: „Alle in dem Bericht genannten Individuen wussten von den Gefahren durch das Material, hatten eine Verantwortung, zu handeln und versagten nach internationalem Recht.“

Schon kurz nach der Explosion begehrten die Libanesen auf, bis heute aber hat sich an den Machtverhältnissen in dem politisch zerrütteten, im wirtschaftlichen Absturz befindlichen Land nichts geändert.

Das Ammoniumnitrat war 2013 mit dem Frachter „Rhosus“ nach Beirut gekommen. Das Schiff war auf dem Weg vom georgischen Schwarzmeerhafen Batumi nach Beira in Mosambik. In Beirut sollte zusätzliche Fracht geladen werden, doch die Maschinenteile erwiesen sich als zu schwer für die „Rhosus“ und die Besatzung verweigerte die Annahme. Kurz darauf beschlagnahmten libanesische Behörden den Frachter, weil Hafengebühren nicht bezahlt worden seien. Die „Rhosus“ verließ Beirut nicht mehr, sank 2018 im Hafen. Das Ammoniumnitrat lag da schon an Land.

HRW zufolge ist nicht geklärt, ob Mosambik wirklich Ziel der „Rhosus“ gewesen sei. Allgemein wird davon ausgegangen, dass eine Sprengstofffabrik in dem ostafrikanischen Land der Besteller des Ammoniumnitrats war.