Russland hat als erstes Land weltweit schon einen Impfstoff entwickelt, die Zuverlässigkeit von „Sputnik V“ ist allerdings fraglich. Foto: Alexander Zemlianichenko Jr/Russian Direct Investment Fund/AP/dpa

Erst mit einem Impfstoff gegen Corona kann sich unser Leben wieder normalisieren, davon ist nicht nur die Kanzlerin überzeugt. In Europa wird das im Idealfall in einigen Monaten beginnen. Sobald ein Corona-Impfstoff auf dem Markt ist, dürften Deutsche und andere EU-Bürger zu den Ersten gehören, die sich vor dem gefährlichen und wirtschaftlich verheerenden Virus schützen lassen können. Mehrere Hersteller machen Hoffnung, dass es noch dieses Jahr so weit sein könnte, darunter das Mainzer Unternehmen Biontech.

Die Prognose ist unsicher – das zeigt der Rückschlag beim Hersteller Astrazeneca, der wegen gesundheitlicher Probleme eines Probanden seine klinischen Tests vorerst stoppen musste. Klar ist aber: Die Hoffnung auf eine Lösung für die globale Katastrophe wächst. Nicht nur Kanzlerin Angela Merkel sagt: „Es wird nicht so wie früher, solange wir keinen Impfstoff und kein Medikament haben.“ Wer aber bekommt die knappen Arzneien, sobald es sie gibt?

Bei der Entwicklung bestimmter Impfstoffe wird ein Abschnitt des Erbguts des Virus verwendet, auf den der Körper dann reagiert. Grafik: A. Brühl, dpa-infografik

Noch ist keiner der Impfstoffe abschließend getestet oder in Europa zugelassen. Sobald es aber so weit ist, sollen die 27 EU-Staaten sofort Zugriff bekommen, das ist die Strategie. Das sei angesichts der wirtschaftlichen Folgen der Pandemie wichtig, sagen EU-Beamte. In der EU sollen die Bezugsrechte für die ersten Impfstofflieferungen nach Bevölkerungszahl verteilt werden: Alle beteiligten EU-Staaten sollen bestimmte Mengen kaufen können. Deutschland stellt 18,6 Prozent der EU-Bevölkerung, wäre also mit einem knappen Fünftel dabei. Die Regierungen müssten dann eine Art Rangfolge aufstellen und zum Beispiel zunächst Risikogruppen wie Beschäftigte im Gesundheitswesen oder Ältere impfen.

Bis eine nennenswerte Zahl von Bürgern immunisiert wäre, würde es in Europa einige Monate dauern. Der CDU-Europaabgeordnete und Arzt Peter Liese schätzt, dass eine Impfrate von 20 bis 30 Prozent helfen würde, „den Horror zu nehmen“. Im Frühjahr 2021 könnte sich die Lage spürbar verbessert haben, meint Liese.

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Bis Covid-19 weltweit eingedämmt wird, dürfte es deutlich mehr Zeit brauchen. Die von der Weltgesundheitsorganisation WHO getragene Initiative Covax für eine faire Verteilung der Mittel auch an arme Länder hat sich zwar zum Ziel gesetzt, bis Ende 2021 mindestens zwei Milliarden Impfdosen bereitzustellen. Bei zweimaliger Impfung würde das rechnerisch aber erst für rund eine Milliarde Menschen reichen, also 13 Prozent der Weltbevölkerung von knapp 7,8 Milliarden Menschen. Die Mittel wirklich sicher und gekühlt bis in entlegene Dörfer zu bringen, wird zudem ein logistischer Kraftakt.

Auch die Tübinger Firma Curevac forscht an einem Corona-Impfstoff. Aus den Bakterien auf diesem Träger werden Erbinformationen gewonnen. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Obwohl die EU also im Impfstoff-Rennen vorne liegen dürfte, will sie sich keinesfalls mit Trumps „America First“-Politik in einen Topf werfen lassen. Der Astrazeneca-Vertrag etwa sehe vor, dass EU-Staaten von ihren Kontingenten Impfstoffe an ärmere Länder spenden können, betonen EU-Beamte. Covax erhalte eigene Bezugsrechte. Und das politische Bekenntnis zur weltweiten Solidarität ist klar: „Niemand ist sicher, bevor alle sicher sind“, twitterte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen zuletzt.