Italiens Ministerpräsident Mario Draghi (l.), Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD, r.) sitzen in einem Zug auf der Reise nach Kiew. dpa/Michael Fischer

Seit Wochen dringt die Ukraine auf einen Besuch des deutschen Kanzlers in Kiew. Jetzt ist er da – zusammen mit zwei weiteren mächtigen Europäern, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Italiens Ministerpräsident Mario Draghi. Die Erwartungen in dem von Russland angegriffenen Land sind nach vier Monaten Krieg extrem groß.

Nicht zuletzt hatte Scholz selbst stets betont, dass er nur nach Kiew reisen werde, wenn es konkrete Dinge zu besprechen gebe. Selenskyj fordert die Lieferung weiterer schwerer Waffen – und dass die EU schon in der kommenden Woche auf ihrem Gipfel in Brüssel einer Kandidatur der Ukraine für eine Mitgliedschaft zustimmt.

Gespräche über Aufnahme der Ukraine in die EU

Am Donnerstagmorgen kam Scholz mit einem Sonderzug in der ukrainischen Hauptstadt Kiew an. Dort wollten Scholz, Macron und Draghi mit Präsident Wolodymyr Selenskyj über weitere Unterstützung für das von Russland angegriffene Land beraten.

Schon kurz nach der Ankunft war das Trio auch im Kriegsalltag angekommen. In Kiew wie auch in anderen Landesteilen wurde Luftalarm ausgelöst. Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko warnte vor Raketenangriffen der Kreml-Truppen. Nach 30 Minuten wurde der Alarm aufgehoben.

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In Kiew stieß auch der rumänische Präsident Klaus Iohannis zur Reisegruppe. Er hatte eine andere Reiseroute genommen. Gemeinsam fuhren die drei in den Kiewer Vorort Irpin, der zu einem Symbol des russischen Angriffskrieges geworden ist. Ähnlich wie im benachbarten Butscha waren dort nach dem Rückzug der Russen Ende März knapp 300 teils hingerichtete Zivilisten gefunden worden.

Kanzler Scholz (r.) gemeinsam mit Emmanuel Macron und Mario Draghi im Kiewer Vorort Irpin AFP/Ludovic Marin

Scholz sprach von sinnloser Gewalt in der verwüsteten Stadt. „Das sagt sehr viel aus über die Brutalität des russischen Angriffskriegs, der einfach auf Zerstörung und Eroberung aus ist.“

Scholz besichtigte zerstörte Vorstadt Irpin

In einer ersten Reaktion aus Moskau spottete Russlands früherer Präsident Dmitri Medwedew über die Kiew-Reise der vier Spitzenpolitiker. „Die europäischen Fans von Fröschen, Leberwurst und Spaghetti lieben es, Kiew zu besuchen“, schrieb Medwedew auf seinem Twitter-Account. „Mit null Nutzen.“

Scholz hatte der Ukraine schon auf der Fahrt nach Kiew die weitere volle Unterstützung im Kampf gegen Russlands Angriff zugesagt. Man werde die Unterstützung so lange fortsetzen, „wie das nötig ist für den Unabhängigkeitskampf der Ukraine“, sagte er.

Olaf Scholz und Emmanuel Macron werden vom ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj begrüßt. AFP/Ludovic Marin

Seit Mitte März sind zahlreiche Staats- und Regierungschefs in die Ukraine gereist, die sich nun schon fast vier Monate gegen den Angriff der russischen Streitkräfte zur Wehr setzt. Dieser Besuch ist aber zweifellos der bedeutendste: Scholz, Macron und Draghi repräsentieren die drei bevölkerungsreichsten und wirtschaftsstärksten EU-Länder. Alle drei Staaten gehören zur G7, in der sich demokratische Wirtschaftsmächte zusammengeschlossen haben.

Lange Debatte über Scholz-Besuch

Die Reise der drei Staats- und Regierungschefs war seit einiger Zeit geplant. Bis zuletzt wurde sie trotz einiger Medienberichte aus Sicherheitsgründen nicht bestätigt. Scholz flog bereits am Mittwochabend nach Südpolen. Von der Grenzstadt Przemysl fuhr der Sonderzug mit neun Waggons kurz vor Mitternacht Richtung Kiew los.

Der Luftraum ist wegen des Kriegs gesperrt. Es bleibt selbst für Präsidenten und Regierungschefs nur der Landweg. Viele Kriegsflüchtlinge sind über Przemysl in die EU eingereist – und kehren seit geraumer Zeit auf diesem Weg auch wieder zurück.