Der ehemalige Audi-Chef Rupert Stadler will von den Manipulationen per Software nichts gewusst haben. Foto: Marijan Murat/dpa

Fünf Jahre nach Aufdeckung des VW-Dieselskandals beginnt jetzt der erste deutsche Strafprozess in dieser Sache. Der langjährige Audi-Chef Rupert Stadler muss sich vom 30. September an vor dem Landgericht München verantworten, zusammen mit dem früheren Porsche-Vorstand Wolfgang Hatz und zwei Ingenieuren. Dass der Prozess im Gefängnis München-Stadelheim stattfindet und nicht im Gerichtsgebäude, will die Justiz nicht als böses Omen für die Angeklagten verstanden wissen: Der Verhandlungssaal in Stadelheim ist einfach größer.

Über zwei Jahre lang soll der Prozess dauern, gut 40.000 Seiten umfassen die Ermittlungsakten. Zum Auftakt wollen die Staatsanwälte die 90 Seiten lange Anklage verlesen, fünf bis sechs Stunden lang.

„Betrug, mittelbare Falschbeurkundung sowie strafbare Werbung“ lautet ihr Vorwurf. Ingenieur Henning L. ist uneingeschränkt, der Motorenentwickler Giovanni P. laut Staatsanwaltschaft weitgehend geständig. Wobei sein Anwalt klarstellt, P. sei kein Entscheidungsträger gewesen, sondern drei Ebenen unter dem Vorstand: „Er hat getan, was von oben abgesegnet und angewiesen wurde.“

Rupert Stadler war zwölf Jahre lang Audi-Chef. Bei einer Verurteilung drohen ihm bis zu zehn Jahre Haft. Foto: Armin Weigel/dpa

Audi-Ingenieure waren vor etwa 20 Jahren auf eine zweifelhafte Idee gekommen, um bei Abgastests besser dazustehen. Eine Software drosselt den Stickoxid-Ausstoß, wenn das Auto auf dem Prüfstand steht und das Lenkrad nicht bewegt wird. Auf der Straße aber überschritten die Abgase den Grenzwert.

Die Anklage wirft dem früheren Porsche-Vorstand Wolfgang Hatz, einst Chef der Motorenentwicklung bei Audi, und den beiden Ingenieuren vor, große Dreiliter-Motoren mit der illegalen Abschaltfunktion entwickelt zu haben. Diese Motoren seien dann in gut 434.000 große Fahrzeuge von Audi, Porsche und VW eingebaut und in Europa und den USA verkauft worden. Hatz, der monatelang in Stadelheim in Untersuchungshaft saß, weist die Vorwürfe zurück. „An unserer Linie wird sich nichts ändern. Ich werde ein Opening Statement abgeben“, sagte sein Verteidiger Gerson Trüg.

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Die Vorwürfe gegen Stadler sind dagegen weniger schwer. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, er habe spätestens nach der Aufdeckung des Skandals in den USA im September 2015 von den manipulierten Audi-Motoren gewusst, aber den Verkauf trotzdem weiterlaufen lassen. Den 57-Jährigen erwartet aber als prominentester Angeklagter ein Spießrutenlauf - und bei einer Verurteilung bis zu zehn Jahre Gefängnis.

Durch die Manipulations-Software stießen die Dieselautos auf dem Prüfstand spürbar weniger Stickoxid aus. Foto: Imago Images/Shotshop

Stadler war von 2007 an fast zwölf Jahre Audi-Chef - bis 2018, als er kurz nach Einleitung der Ermittlungen gegen ihn in einem abgehörten Telefonat über die Beurlaubung eines Mitarbeiters sprach, wegen Verdunkelungsgefahr vier Monate lang in Untersuchungshaft kam und Audi sich von ihm trennte. Aber eine Mitwisserschaft oder gar Beteiligung an Diesel-Manipulationen hat er stets bestritten.

Aufgeflogen ist der Skandal mit den Audi- und später auch VW-Motoren im Herbst 2015 in den USA. Die Wirtschaftsstrafkammer unter dem Vorsitzenden Stefan Weickert muss nun klären, wer was gemacht, veranlasst oder gewusst und ignoriert hat.

Den VW-Konzern hat der Dieselskandal mit elf Millionen manipulierten Autos bisher 32 Milliarden Euro gekostet - für Schadenersatz, Nachrüstungen, Strafzahlungen. Auch für die Angeklagten könnte es noch sehr teuer werden, sollten sie schuldig gesprochen werden: Laut Strafprozessordnung tragen sie dann die Kosten des Verfahrens - samt Gutachter- und Reisekosten etwa für Zeugen aus den USA. Audi dürfte Abfindungen zurückfordern und von den Vorständen Schadenersatz verlangen.