Ein Kinderarzt impft in seiner Praxis in Kaufbeuren einen Jungen zum Schutz gegen eine Krankheit. Aus Angst vor Corona bringen viele Eltern derzeit ihren Nachwuchs nicht zum Arzt. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Kinderkliniken und -praxen erleben seit Wochen einen massiven Rückgang von jungen Patienten. Viele Eltern fürchten eine Ansteckung mit dem Coronavirus und gehen deshalb mit kranken Kindern nicht mehr zum Arzt. Die Folgen seien teils bedrohlich, warnt Professor Wolfgang Kölfen, Vorsitzender des Verbands Leitender Kinder- und Jugendärzte Deutschlands.

So habe es bereits Komplikationen bei Blinddarmentzündungen gegeben, weil Eltern zu lange gewartet hätten, so der Chefarzt der Klinik für Kinder und Jugendliche der Städtischen Kliniken Mönchengladbach zur „Rheinischen Post“.

Frühwarnsystem für Kinder aus schwierigen Verhältnissen fehlt

Zudem fehle durch den Wegfall der Kitas ein Frühwarnsystem für Kinder aus schwierigen Verhältnissen, meint Kölfen. In Mönchengladbach war zuletzt ein fünfjähriger Junge zu Tode geprügelt worden. „Deshalb müssen wir die Kinder in den Fokus nehmen“, so Kölfen und fordert einen Schutzschirm, „in dem Sinne, dass man Kinder nicht einfach wegsperren kann ohne eine Perspektive. Das ist doch staatlich angeordnete Kindesvernachlässigung“.

In seiner Klinik sei die Zahl der Kinder von 80 bis 120 Patienten pro Tag auf ungefähr 30 bis 40 gesunken, so der Mediziner. Wenn ein Kind krank sei, solle es zum Arzt oder in eine Klinik gebracht werden: „Warten Sie nicht zu lange. Die Gefahr, dass ein Kind Covid-19 kriegt, ist minimal“, mahnt Kölfen. Das gelte noch mehr für eine mögliche Ansteckung im Krankenhaus. „Die Gefahr, dass es sich dort bei anderen Kindern ansteckt, ist gleich null.“

Zudem warnte Kölfen vor den mentalen Problemen durch die Krise, Langzeitschäden seien nicht auszuschließen: „Kinder sind in ihrer psychischen Gesundheit gefährdet, die bekommen Schlafstörungen, machen sich Sorgen um ihre Eltern.“

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Ein Drittel weniger Notfall-Patienten in Berlin

Doch auch unter Erwachsenen greift ein riskanter Umgang mit der eigenen Gesundheit um sich: In vielen Notaufnahmen gibt es zurzeit viel weniger Patienten als sonst, in Berlin teils bis zu einem Drittel. Auch der Notruf wird seltener alarmiert – im Saarland etwa sank die Zahl der Rettungseinsätze um 15 Prozent.

Viele zögern aus Rücksicht, um die Behandlungskapazitäten für Corona-Infizierte nicht zu schmälern. Manche zögern aus Angst, sich selbst zu infizieren. Was auf den ersten Blick positiv klingt, kann im Zweifel aber lebensgefährliche Folgen haben. Denn Notfälle, wie etwa Schlaganfall- oder Herzinfarkt-Patienten kommen erst spät und damit in einem deutlich schlechteren Zustand in der Klinik an, mahnte eine Sprecherin des Unfallkrankenhauses Berlin im KURIER an. An der Berliner Charité kamen Anfang April 40 Prozent weniger Patienten mit Verdacht auf Herzinfarkt oder Schlaganfall in die Notaufnahme. In solchen Fällen zählt jedoch jede Minute. Und gerade nach Infarkten oder Schlaganfällen drohen dramatische Folgen – etwa Lähmungen, Herzrhythmusstörungen oder gar der Tod.