Festgenommene Algerier werden am 17. Oktober 1961 im Bus abtransportiert, die Hände über den Köpfen. AFP

Jahrzehntelang wurde es totgeschwiegen und vertuscht: Das Massaker von Paris am 17. Oktober 1961 an algerischen Franzosen. Vermutlich über 200 Menschen wurden von der Polizei totgeschlagen, erschossen, in der Seine ertränkt. Es gab 12.000 Festnahmen. Verantwortlich: Polizeipräfekt Maurice Papon, später als Kollaborateur entlarvt, der für die deutschen Besatzer die Judendeportation organisierte. Jetzt, 60 Jahre später, unternimmt Präsident Emmanuel Macron wieder einen Versuch, das Geschehen und gleich noch die koloniale Vergangenheit aufzuarbeiten. Dafür erntet er Lob, es zu tun,  und Tadel, weil es manchen als Inszenierung erscheint.

Gegen Ende des Algerienkriegs, in dem die damalige französische Kolonie von 1954 bis 1962 ihre Unabhängigkeit erkämpfte, wurde in Paris eine Ausgangssperre für „muslimische Franzosen“ aus Algerien verhängt. Zum 17. Oktober 1961 riefen sie zum Boykott auf, der extrem brutal niedergeschlagen wurde. Die genaue Opferzahl ist bis heute unbekannt. Das Pariser Immigrationsmuseum spricht von der tödlichsten Unterdrückung in Westeuropa nach 1945.

Macron versucht es jetzt mit Anerkennung von Schuld, Wiedergutmachung, Rückgabe von Raubgütern. Doch das stößt auf Probleme: Erbitterte Identitätsdebatten und eine zerrissene französische Gesellschaft können, so eine verbreitete Meinung in Frankreich, nicht mit ein paar Gesten geebnet werden.

Schweigen über die Vergangenheit

Lange Zeit hatte sich Frankreich in Schweigen um die koloniale Vergangenheit gehüllt. Die Historikerin Malika Rahal spricht von einer gewissen Ignoranz. Heute werde deutlich darüber gesprochen, doch auch der Widerstand dagegen wächst.

Und noch immer beeinflusst die Kolonialzeit die Verhältnisse in Frankreich, etwa beim Thema Zugehörigkeit, meint der Soziologe Ahmed Boubeker: „Wir sind dabei, eine Vision der Staatsbürgerschaft zu schaffen, die auf Rasse und kultureller Herkunft basiert.“ Manche Franzosen würden nicht als gleichwertig gesehen und diskriminiert.

Emmanuel Macron kürzlich beim Afrika-Frankreich-Gipfel in Montpellier. Ihm wird vorgeworfen,   bei solchen Gelegenheiten eher sich als die Vertreter ehemaliger Kolonien in den Mittelpunkt zu stellen.  Foto: AP/dpa/Daniel Cole

Für Boubeker treffen soziale und postkoloniale Frage zusammen. „Die Menschen in den prekärsten Situationen sind die in der Banlieue (Großsiedlungen am Rand der Großstädte, d. Red), und in der Banlieue leben überwiegend Menschen mit postkolonialer Migrationsgeschichte.“ Eine ganze Jugend habe erschwerten Zugang zu Bildung, sei am Rande des Arbeitsmarkts, selbst in der Freizeit Rassismus ausgesetzt. Es gebe dafür noch immer keine Lösung, weil ein Erinnern der Kolonialzeit verweigert werde.  

Rechtsaußen wollen Nachfahren von Einwanderern ausweisen

Gleichzeitig wirbt Marine Le Pen vom extrem rechten Rassemblement National für eine Volksabstimmung zur Begrenzung der Einwanderung. Noch rechtere Populisten verlangen die Ausweisung von „Ausländern“ oder dass deren Neugeborene „französische“ Vornamen bekommen müssen. Dabei geht es in der Regel nicht um Einwanderer, sondern um Kinder und Enkel von Migranten.

Für Malika Rahal spiegelt die Debatte die verklärte Sehnsucht nach einem einstigen starken französischen Reich wider, das man sich weiß und christlich erträume. Am Ende ginge es auch darum, in welchem Umfang  Frankreich mit der kolonialen Vergangenheit umgehen soll. 

Das scheint auch Macron umzutreiben. Immer wieder bemühte er sich, Brücken zu den ehemaligen Kolonien und den Nachfahren der Kolonialisierten zu bauen. Für die Historikerin Florence Bernault steht dahinter ein aufrichtiger Wille, den sie zuvor bei keinem französischen Staatsoberhaupt erkannt habe. Doch sie sieht zugleich auch eine neokoloniale Haltung: Macron belehre, Frankreich sei immer der Hauptakteur und wolle seinen Einfluss in den früheren Kolonien erhalten.