Dominic Cummings hat sich in weiten Teilen der britischen Öffentlichkeit zu einer Hassfigur entwickelt. Foto: AFP

Der Mann sieht wirklich nicht aus wie aus der britischen Oberschicht der elitären Eton- und Oxford-Absolventen - zerknitterte Hemden oder T-Shirt, oft unrasiert und nicht einmal vorgetäuscht umgänglich. Dominic Cummings heißt er, ist Historiker und Chefberater von Premierminister Boris Johnson (Tories). Er bringt seinen Chef gerade schwer ins Schleudern.

Cummings (48), der seit 2016 erfolgreich und mit teilweise erfundenen Argumenten die Brexit-Kampagne um die konservativen EU-Gegner geleitet hatte, leistete sich nämlich einen Bruch des am 23. März von der Regierung verhängten Corona-Lockdowns. „Stay home“ - „bleibt zu Hause“ - war als Devise ausgegeben worden.   

Für Cummings scheint das nicht gegolten zu haben. Am 27.  März verließ er sein Büro und fuhr zu seiner Frau, die Corona-Symptome zeigte, und kehrte dann ins Büro zurück. Anschließend fuhr er mit seiner Frau und seinem vierjährigen Sohn von London mit dem Auto ins nordenglische Durham, wo seine Eltern leben. Dort wohnte er in einem Gebäude des Grundstücks abseits des Hauses der Eltern. 

Schwer erkrankt

Auch in Durham, wo er und sein Sohn gleichfalls schwere Covid-19-Symptome zeigten, verstieß Cummings laut BBC mehrmals gegen die Corona-Empfehlungen. Unter anderem fuhr er lange Strecken um Durham herum. Er habe testen wollen, ob seine Sehfähigkeit noch durch Corona eingeschränkt sei. Am 14. April kehrte er mit der Familie im Auto nach London zurück. 

Als diese Informationen nach und nach durchsickerten, erklärte Cummings, er habe alles richtig gemacht. Er habe keine andere Chance gesehen als nach Durham  zu fahren. In London habe es keine Möglichkeit gegeben,  das Kind betreuen zu lassen, wenn er und seine Frau erkrankten.

Die Opposition, aber auch 40 Tory-Abgeordnete waren mit Cummings' Verhalten und seinen Rechtfertigungen so unzufrieden, dass sie seine Entlassung forderten. Der Schottland-Minister der Regierung, Douglas Ross, trat wegen Cummings' Verhalten zurück. 

Boris Johnson, noch immer von seiner Corona-Erkrankung gezeichnet, steht zu seinem Berater. Foto AP/Downing Street 10

Boris Johnson dagegen verteidigte Cummings, den der einstige konservative Ministerpräsident David Cameron als  „Karriere-Psychopathen“ bezeichnet hatte. Sein Berater, der selbst einen Rücktritt ablehnt, sei den „natürlichen Instinkten eines Vaters“ gefolgt und habe die Corona-Regeln nicht verletzt.  

Schelte vom Bischof

Das kam in der britischen Öffentlichkeit nicht gut an, die durch bald 270.000 bestätigte Covid-19-Fälle und (je nach Quelle) fast 40.000 oder 50.000 Tote ohnehin traumatisiert ist. Nach einer Umfrage der Daily Mail sackte die Zustimmungsrate für den Ministerpräsidenten von 19 auf minus 1 ab - der Mitleidsbonus für Johnson, der wegen Covid-19 auf einer Intensivstation gelandet war, war schlagartig aufgebraucht. Der Bischof von Leeds, das Oberhaus-Mitglied Nicholas Baines, warf Johnson  vor, er behandele die Menschen des Landes wie Trottel.

Die nächsten Tage werden zeigen, ob Johnson seinem Berater die Treue hält, obwohl der Skandal den Vorsprung der Tories gegenüber Labour deutlich verringert hat. Die britische Presse hat sich auf die beiden eingeschossen, über 70 Prozent der Briten halten Cummings' Verhalten für falsch.