Trump ist vorbei - wäre das bei einem Wahlsieg von Joe Biden tatsächlich so? Foto: Imago Images/Zuma Wire

So widersinnig kann Geschichte sein: Mit mehr als 72 Millionen Stimmen hat Joe Biden im Rennen ums Weiße Haus mehr Wähler für sich gewinnen können, als jeder andere Kandidat ums US-Präsidentenamt vor ihm.

Und sollte es tatsächlich der Demokrat sein, der am 20. Januar vereidigt wird, wäre sein Wahlsieg trotzdem alles andere als ein Triumph. Die Vorwürfe des Betrugs, eines „gestohlenen Wahlsiegs“, die Donald Trump aus purer Verzweiflung immer wieder lautstark verbreitete, haben einen Nachhall. Mögen sie noch so aus der Luft gegriffen sein, in den Köpfen von Trumps Wählern werden sie noch sehr lange Zeit haften.

Biden muss sich angesichts der hauchdünnen Mehrheiten in vielen Bundesstaaten bewusst sein, dass sich etwa die Hälfte der US-Wähler trotz aller Fehler und Versäumnisse vier weitere Jahre Donald Trump im Weißen Haus gewünscht hätte und mit ihm auch dessen Politik, dreist verdrehten Wahrheiten, Fremdenfeindlichkeit, Macho-Sprüche, dessen Abkehr von internationaler Zusammenarbeit und aller humanistischen Werte.

Nur ein Erdrutschsieg hätte Biden wirklich zu einem starken, neuen US-Präsidenten gemacht und ihm Freiheit verschafft für die Durchsetzung seiner Vision der Vereinigten Staaten, die zurück sind auf dem internationalen Parkett.

Doch mit der tiefen Spaltung zwischen den Lagern über den Wahltag hinaus wird die Ära Trump einer Präsidentschaft von Joe Biden wohl die gesamten, kommenden vier Jahre den Stempel aufdrücken, die Versöhnung der Amerikaner zur Hauptaufgabe.

Gerade in der Wirtschaftskrise durch die Corona-Pandemie werden Millionen Trump-Fans noch oft das „Durchgreifen“ des Republikaners schmerzlich vermissen. Trump mag dann zwar als US-Präsident verschwunden sein, doch der Trump‘sche Geist lebt noch lange weiter.