Italiens Präsident Sergio Mattarella, der Fuchs im Palast. Foto: Alessandra Tarantino/AP/dpa

Er sollte rote Haare haben, der alte Fuchs: Gegenwärtig muss Italiens eher linker Präsident Sergio Mattarella alle Tricks und Finten anwenden, um nach dem Scheitern der letzten Koalition einen monatelangen Wahlkampf in der Corona-Krise und eine teilweise weit rechts stehende neue Regierung zu verhindern. Jetzt will er den früheren Chef der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi (73), zum Chef einer Expertenregierung machen.  

Der 79-Jährige Mattarella residiert seit sechs Jahren im Quirinalspalast. Er dirigiert zwar nicht direkt, welches Kabinett Italien aus der Regierungskrise führen soll. Doch je zerstrittener Parlament und Parteien sind, desto gewichtiger wird sein Tun für das von der Corona-Pandemie heftig angeschlagene Land. „Der Präsident muss den Zug stoppen, der Richtung Katastrophe fährt“, schrieb ein Magazin. 

Der Quirinalspalast in Rom - der „Fuchsbau“ Mattarellas.   Foto: imago images / Pacific Press Agency / Matteo Nardone

Die politischen Krisen gehören fast so eng zu Italien wie Pizza, Pasta und die Liebe zu dramatischen Auftritten. Die 66. Regierung der Republik, geführt vom parteilosen Giuseppe Conte (56), war bis zu dessen Rücktritt am 26. Januar ein Jahr und fast fünf Monate im Amt. Im Durchschnitt hielten sich die Vorgänger-Kabinette nur etwas über ein Jahr.

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Für Mattarella ist Parteienstreit also nichts Neues. Auch, weil der Sizilianer (sein Bruder wurde 1980 von der Mafia ermordet)  vor seiner Präsidentschaft viele Jahre auf Ministerposten und als Verfassungsrichter verbrachte. Doch nach den ersten  Tagen harter Sondierungen aller Parteien erklärte er: Eine Regierung muss rasch gefunden werden, um Italien durch „die drei Notfälle - Gesundheit, Soziales, Wirtschaft“  zu steuern.

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Mit diesen Worten beauftragte er den Präsidenten der Abgeordnetenkammer, Roberto Fico (46), die Streithähne des alten Mitte-Links-Teams erneut an einen Tisch zu bringen, was aber schiefging, weshalb Draghi ins Spiel kommt. Der dürfte seine Not mit der Regierungsbildung haben, weil es Widerstand gegen eine Expertenregierung gibt - und gleichzeitig Zuspruch aus den jeweiligen Parteien.

Mario Draghi, 2011 bis 2019 Chef der EZB. Foto: imago images / ZUMA Press / Wiktor Dabkowski

Im Streit um den Einsatz von über 200 Milliarden Euro EU-Corona-Hilfe war die Kleinpartei „Italia Viva“ des eitlen, früher sozialdemokratischen Ex-Regierungschefs Matteo Renzi (46) aus der Koalition ausgestiegen. Conte trat zurück, nachdem er nur mit Mühe eine Vertrauensabstimmung im  Parlament überstanden hatte.

Sergio Mattarella 2016 mit dem damaligen Ministerpräsidenten Matteo Renzi. Der hatte Mattarella 2015 beim Weg in den Präsidentenpalast unterstützt - und ließ jetzt die Koalition platzen. 

Tobias Mörschel, Büroleiter der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung in Rom, findet, dass Mattarella  sich neutral und überparteilich verhalte. „Wahlen will er momentan aufgrund der vielfältigen Auswirkungen der Pandemie sicherlich vermeiden, dennoch ist seine oberste Priorität, eine stabile und handlungsfähige Regierung zu ermöglichen.“ Jedenfalls unterlässt die Mitte-Rechts-Opposition offene Kritik. Ex-Ministerpräsident Silvio Berlusconi (84) von der konservativen „Forza Italia“: „Die Entscheidungen des Staatsoberhauptes werden nicht bewertet, sie werden mit Respekt begrüßt.“  

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Wolfango Piccoli vom Teneo-Institut: „Mattarella zögerte er in der Vergangenheit nicht, zu kontroversen Fragen politisch Stellung zu beziehen.“ 2018 legte er sein Veto gegen einen Euroskeptiker als Finanzminister ein. Damals ging es um ein anderes, von Conte geplantes Mitte-Rechts-Kabinett.  

Zuletzt führte Conte eine wesentlich vom eher sozialdemokratischen Partito Democratico und der linkspopulistischen Fünf-Sterne-Bewegung  getragene Koalition, nachdem er im Sommer 2019 mit Unterstützung Mattarellas den Koalitionsbruch durch die rechte „Lega“ von Matteo Salvini überstanden hatte.  Der wünscht sich Neuwahlen, die ihm zusammen mit der Rechtsaußen-Partei „Fratelli d'Italia“ wieder Macht bringen könne.