Rückzug: Armeesoldaten flüchten in Kabul vor den Taliban, wohin auch immer. imago/Xinhua/Rahmatullah Alizadah

Reflexartig wird „der Westen“ für das Fiasko in Afghanistan verantwortlich gemacht. Das ist einfach. Zu einfach. Es wird sicher noch einiger Analysen bedürfen, aber die Hauptverantwortung liegt in Afghanistan selbst. Es ist der – immerhin gewählten – Führung des Landes nicht gelungen, in zwei Jahrzehnten unter der Deckung der westlichen Truppen so etwas wie Loyalität zum gesamten Land zu schaffen.

Korrupt und inkompetent, dafür großspurig, konnte sie den verschiedensten Völkerschaften mit ihren Stämmen und Milizen nicht ansatzweise eine Art Gemeinschaftsgefühl erzeugen, das überkommenen Verbindungen etwas entgegenstellte. Die Leute blieben Paschtunen (die größte Gruppe), Tadschiken, Usbeken, Hazara oder Turkmenen usw. usw., bei denen nicht einmal der gemeinsame islamische Glaube gegenseitige Abneigungen überwindet.

Ohne Loyalität, offenkundig schlecht geführt und demoralisiert zerfiel die hochgerüstete Armee binnen Wochen, unter den Augen der Zentralregierung  müssen ihre Kommandeure mehr oder weniger private Waffenstillstandsabkommen mit den Taliban geschlossen haben, so von Paschtune zu Paschtune. Was da für Deals gelaufen sind, wird vielleicht noch herauskommen.

Rechnen wir mit dem Schlimmsten, dann wird das Erstaunen nicht so groß: Die Welt bekommt ein Afghanistan, das sich mit Drogenhandel finanziert, Flüchtlinge produziert und Terroristen einen sicheren Hafen bietet. Eine Männergesellschaft mit einer undurchsichtigen, islamistisch geprägten Führung, deren Handeln niemand vorhersagen kann. Mit unterdrückten Frauen, permanentem Bürgerkrieg und willkürlicher Gewalt. Außerhalb Afghanistans ist allerdings ein Land desavouiert: Deutschland. Was die Bundesregierung mit den Hilfskräften der Bundeswehr angestellt hat, ist nur eines: Schäbig.