Der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk wurde entlassen.
Der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk wurde entlassen. dpa/Kappeler

Es hatte sich schon angekündigt. Vor wenigen Tagen war der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk wegen seiner Haltung zum ukrainischen Nationalisten Stepan Bandera ins Stolpern geraten. Jetzt hat Ukraines Präsident Wolodymyr Selenskyj reagiert: Er hat den Botschafter seines Landes in Deutschland entlassen. Das geht aus einem von der Präsidentenkanzlei in Kiew veröffentlichten Dekret hervor.

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Außer Melnyk wurden laut Präsidialamt auch die Botschafter der Ukraine in Norwegen, Tschechien und Ungarn sowie Indien entlassen. Gründe oder eine künftige Verwendung der Diplomaten wurden zunächst nicht genannt.

Selenskyj sprach von einem normalen Vorgang. „Diese Frage der Rotation ist ein üblicher Teil der diplomatischen Praxis“, sagte er am Sonnabend in einer Videobotschaft, ohne einen der fünf Botschafter namentlich zu nennen. Ob Melnyk nach seiner Entlassung als Botschafter für ein anderes hochrangiges Amt in Kiew oder anderswo vorgesehen ist, blieb zunächst offen.

Die ukrainische Botschaft in Berlin wollte das Dekret nicht kommentieren. Eine Sprecherin der ukrainischen Botschaft in Prag sprach tschechischen Medien zufolge ebenfalls von einem geplanten Auswechseln mehrerer Botschafter.

Die Bild und die Süddeutsche Zeitung hatten unter Berufung auf ukrainische Quellen berichtet, Melnyk solle abberufen werden und ins Außenministerium nach Kiew wechseln. Noch im Herbst könnte er stellvertretender Außenminister werden.

Melnyk attackierte immer wieder Olaf Scholz. Er warf ihm vor, zu zögerlich Waffen zu liefern

Melnyk war seit Januar 2015 Botschafter in Deutschland – eine außergewöhnlich lange Zeit für einen Diplomaten auf einem Posten. Auch Kommentatoren in Kiew sagten am Sonnabend, dass dies etwa das Doppelte der üblichen Entsendungszeit gewesen sei.

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Der Diplomat hatte in den vergangenen Monaten mit seiner scharfen Kritik auch an Kanzler Olaf Scholz (SPD) für Aufsehen gesorgt. Er warf Scholz und seinen Ministern unter anderem vor, zu zögerlich Waffen für den Kampf gegen die russischen Angreifer in die Ukraine zu liefern.

Vergangene Woche geriet er dann wegen seiner Äußerungen über den ukrainischen Nationalisten und Antisemiten Stepan Bandera selbst massiv in die Kritik. Bandera war während des Zweiten Weltkriegs Anführer des radikalen Flügels der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN). Nationalistische Partisanen aus dem Westen der Ukraine waren 1943 für ethnisch motivierte Vertreibungen verantwortlich, bei denen Zehntausende polnische und jüdische Zivilisten ermordet wurden.

Melnyk verteidigte den ukrainischen Nationalisten Stepan Bandera

Melnyk bestritt in einem Interview mit dem Journalisten Tilo Jung, dass Bandera ein Massenmörder von Juden und Polen gewesen sei. Der Nationalist sei gezielt von der Sowjetunion dämonisiert worden. Die israelische Botschaft hatte dem Botschafter daraufhin „eine Verzerrung der historischen Tatsachen, eine Verharmlosung des Holocausts und eine Beleidigung derer, die von Bandera und seinen Leuten ermordet wurden“ vorgeworfen.

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Der sonst schlagfertige Melnyk wies Anfang Juli nach tagelangem Schweigen den Vorwurf zurück, er habe mit seinen Äußerungen über Bandera den Holocaust verharmlost. „Jeder, der mich kennt, weiß: Immer habe ich den Holocaust auf das Schärfste verurteilt“, schrieb Melnyk am Dienstag auf Twitter. Die Vorwürfe gegen ihn seien „absurd“.

Göring-Eckardt zollt Melnyk Respekt

Bundestags-Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt hat Melnyk nach dessen Abberufung als ukrainischer Botschafter in Deutschland Respekt gezollt. „Andrij Melnyk hat sich mit voller Kraft für sein Land eingesetzt. Er ist eine unüberhörbare und unermüdliche Stimme für eine freie Ukraine“, teilte die Grünen-Politikerin am Sonnabend mit. Zugleich distanzierte sich Göring-Eckardt von Melnyks Äußerungen über den ukrainischen Nationalisten und Antisemiten Stepan Bandera. „Was die Person Bandera betrifft, sind wir uns nicht einig“, teilte Göring-Eckardt weiter mit. „Unabhängig davon wünsche ich ihm alles Beste für ihn persönlich, für seinen künftigen Dienst und vor allem für sein Land.“