Dramatische Szene in Kabul: Ein Mann übergibt einem US-Soldaten sein krankes Baby. Twitter/Omar Haidari

Inmitten von Chaos wird ein Baby am Flughafen der afghanischen Hauptstadt Kabul über eine Mauer mit Stacheldraht hinweg an US-Soldaten übergeben.  Die herzzerreißende Szene, die auf einem Video festgehalten wurde, ging um die Welt und löste eine weltweite Welle des Mitgefühls aus.

„Der Vater hat die Marineinfanteristen gebeten, sich um das Baby zu kümmern, weil das Baby krank war“, sagte Pentagon-Sprecher John Kirby zum Vorfall. Der US-Soldat habe das Kleinkind deswegen über die Mauer gezogen und zu einem norwegischen Krankenhaus auf dem Flughafengelände gebracht.

Baby wurde im Krankenhaus behandelt

Auf dem Video ist zu sehen, wie der Soldat das Baby an einen anderen Soldaten weiterreicht. Im Anschluss sei das Baby zu einer medizinischen Station auf dem Gelände gebracht worden.

„Sie haben das Kind behandelt und es seinem Vater zurückgegeben“, sagte Kirby. Er sprach von einem „Akt des Mitgefühls“ der US-Soldaten. Wo sich das Baby und sein Vater inzwischen befinden, konnte der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums nicht sagen. „Ich weiß nicht, wo sie jetzt sind.“ Er wisse auch nicht, ob der Vater mögliche eine afghanische Ortskraft sei, die sich um ein Sondervisum für die USA bewerbe.

Am Flughafen von Kabul spielen sich derzeit dramatische Szenen ab: Afghanen versuchen nach der Machtübernahme der radikalislamischen Taliban verzweifelt, in den Flughafen und an Bord von Evakuierungsfliegern zu gelangen. Viele afghanische Ortskräfte der westlichen Truppen während des 20-jährigen Konflikts fürchten Racheakte der Taliban.

Taliban suchen gezielt Kollaborateure

US-Präsident Joe Biden äußerte Verständnis für die Verzweiflung der Menschen: „Ich glaube nicht, dass irgendjemand von uns diese Bilder sehen kann, ohne diesen Schmerz auf menschlicher Ebene zu spüren.“ Der Präsident wollte sich nicht darauf festlegen, ob die Evakuierungsmission der USA über den 31. August hinaus verlängert werden könnte. Er gehe davon aus, dass die Evakuierungen bis dahin abgeschlossen seien, er werde dazu aber später eine Entscheidung treffen, sagte Biden.

Die Vorsitzende der Unabhängigen Afghanischen Menschenrechtskommission, Schaharsad Akbar, kritisierte das Chaos bei der Evakuierung von gefährdeten Afghanen. Es sei extrem schwierig, zum Flughafen in Kabul zu gelangen, sagte sie. Dort wiederum gebe es zu wenig Koordination zwischen den Nationen, die Menschen ausflögen, und denjenigen, die den Flughafen schützten. Ihre Organisation beispielsweise habe 90 hoch gefährdete Mitarbeiter identifiziert. 20 davon hätten Zusagen für Evakuierungsflüge bekommen. „Wir waren nicht in der Lage, auch nur eine einzige Person zu evakuieren.“

Vertreter der bisherigen afghanischen Regierung vermisst

Die Taliban suchen laut einem für die Vereinten Nationen erstellten Bericht gezielt nach vermeintlichen Kollaborateuren. In dem vertraulichen vierseitigen Bericht des RHIPTO Norwegian Center for Global Analyses, der der Deutschen Presse-Agentur vorliegt, heißt es, dem größten Risiko seien Menschen ausgesetzt, die wichtige Positionen im Militär, der Polizei oder anderen Ermittlungsbehörden eingenommen hatten.

Die Beteuerungen der Taliban, keine Vergeltungsaktionen vornehmen zu wollen, hält der Leiter der Denkfabrik, Christian Nellemann, nicht für glaubhaft. „Sie versuchen einfach, die Leute an Ort und Stelle zu halten, um sie festnehmen zu können“, so Nellemann.

Mehrere Vertreter der bisherigen afghanischen Regierung werden einem lokalen Medienbericht zufolge vermisst. Der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) liegen nach eigenen Angaben Berichte über „standrechtliche Hinrichtungen“ durch die Taliban vor. Bei den mutmaßlichen Opfern handele es sich um frühere afghanische Regierungsmitarbeiter und Sicherheitskräfte, sagte die Vizedirektorin für HRW in Asien, Patricia Gossman.