Er hat gesehen, was viele nicht sehen wollen: Ein ukrainischer Polizist in Butscha.
Er hat gesehen, was viele nicht sehen wollen: Ein ukrainischer Polizist in Butscha. imago

Zeigen oder nicht? In der Redaktion des Berliner KURIER gehen die Meinungen auseinander, ob man Fotos aus der Ukraine veröffentlichen soll, die Tote zeigen. Es existieren viele, manche sind absolut unerträglich, andere wirken fast harmlos. Ein Pro und Contra.

Pro: Warum ich Schreckensbilder für nötig halte: Der Terror muss erkennbar werden

Wer über Massaker schreibt, muss sie auch zeigen. Leichen zu sehen, ist eine Zumutung, und genau diese Zumutung halte ich gerade in einem Krieg für zwingend notwendig.

Nur so wird deutlich, worum es geht, nur dann fällt die Relativierung der Barbarei schwer, wird die Ernsthaftigkeit der hiesigen Politik auf die Probe gestellt. Anhand des Blutbads von Butscha kann man jetzt verstehen, was sich in Mariupol oder Charkiw abgespielt hat und noch abspielt.

Es bedarf beim Zeigen solcher Bilder allerdings keiner Details, um die Schwelle vom Schrecken zur Übelkeit nicht zu überschreiten.

Eine zweite Notwendigkeit ist, die Gesichter der Opfer, soweit sie nicht verstümmelt sind, nicht durch das sogenannte Pixeln unkenntlich zu machen. Ein Leichnam ist die letzte leibhaftige Manifestation einer menschlichen Existenz. Ihm das Gesicht zu nehmen, macht ihn restlos zum entmenschten Ding.

Man kann einwenden, dass das Zeigen von Toten einem Voyeurismus Vorschub leistet, wie man ihn von Gaffern bei Verkehrsunfällen kennt, und da gibt es kein wirksames Gegenargument. Wir versuchen jedenfalls, das Schauerliche nur soweit zu illustrieren, wie es zum Verständnis nötig ist, und nicht darüber hinaus.

Das ganze Grauen wird auch ein Foto nicht erfassen, weil es – insbesondere in der Zeitung oder online ohne Video-Begleitung – viele Aspekte nicht vermitteln kann: Das Weinen, Schreien oder Jammern der Überlebenden, den Gestank des Krieges, die lauten und leisen Flüche und die unsichtbare Wolke des Hasses, den die Wahnsinnigen in Moskau mit ihrem Angriff über die Ukraine gelegt haben. (Gerhard Lehrke)

Contra: Die Mordbilder von Butscha gehören in die Anklageschrift gegen Russland

Der Moment, als am 1. März Flammen aus dem brennenden Fernsehturm von Kiew schlagen. Sechs Menschen kamen bei dem russischen Raketenangriff um.
Telegram/Wladimir Klitschko
Der Moment, als am 1. März Flammen aus dem brennenden Fernsehturm von Kiew schlagen. Sechs Menschen kamen bei dem russischen Raketenangriff um.

Die Toten von Butscha sind nicht die ersten Bilder, die die mörderische Aggression russischer Truppen in der Ukraine bezeugen. Anfang März trafen russische Lenkwaffen den Fernsehturm von Kiew. Nachrichtenagenturen zeigten die verkohlten Leichen der Opfer, die in dem Feuerball verbrannten. Wir haben davon berichtet, ohne diese Leichenbilder zu zeigen. CNN-Reporter kletterten über die Wracks ausgebrannter russischer Panzer, die Kamera zoomte auf die verkohlten Überreste dessen, was kurz zuvor noch russische Soldaten gewesen waren.

Die Bilder von Schwangeren, jungen Müttern und Babys im zerstörten Kinderkrankenhaus von Mariupol: Die Unmenschlichkeit dieses von Russland verursachten Krieges ist in vielen Bildern dokumentiert – am seinem Verlauf hat die gezeigte Grausamkeit nichts geändert, denn Angriffe auf die Zivilbevölkerung sind keine Kollateralschäden, sondern das Ziel dieses russischen Vernichtungskrieges.

Im Vietnamkrieg hatte das Bild eines nackten Kindes, das vor einer Napalmwolke floh, genügt, um die öffentliche Meinung in den USA gegen den Krieg zu wenden. Die apokalyptischen Bilder aus der Ukraine, die uns seit Wochen bombardieren, haben bislang noch nicht einmal dazu geführt, dass wir der Ukraine sämtliche Waffen liefern, die sie benötigen, um russische Truppen effektiv zurückzudrängen. Wie viele Bilder braucht es noch, bis wir entschlossen handeln?

Nach Wochen des Krieges sind wir emotional abgestumpft, trotzdem könnten diese noch entsetzlicheren Bilder von Butscha uns verleiten, nun Entscheidungen aus Hass oder Rache zu treffen. Sanktionen und Reaktionen gegen Russland müssen aber kühl kalkuliert sein und entschlossen umgesetzt werden. Die Bilder von Butscha, die in Russland ohnehin kaum jemand zu sehen bekommt: wie die vielen anderen Beweise gehören sie in die Akten von Karim Khan, dem Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofes, der die Verantwortlichen dieses Krieges hoffentlich sehr bald zur Verantwortung zieht. (Joane Studnik)